Menzel, Wolfgang, Schriftsteller und Literaturhistoriker (1798-1873). Eigenh. Brief mit U.

Stuttgart, 25. VI. 1839.

3 SS. auf Doppelblatt. 4to. Mit eh. Adresse (Faltbrief).

 850,00

Ausführlicher Brief über die Todesstrafe an den Juristen und Autor Heinrich Zöpfl (1807-1877) in Heidelberg: "Ew. Wohlgeboren dürfen überzeugt sein, dass ich Ihnen gern jeden literarischen Dienst leisten würde, da ich schon längst Ihre wissenschaftlichen Leistungen kenne und verehre. Allein in dem vorliegenden Falle bin ich andrer Meinung als Sie. Ich halte die Aufhebung der Todesstrafe nicht für einen Fortschritt, sondern nur für ein Experiment. Die Surrogate mißfallen mir mehr, als die Sache selbst. Freien Nationen ziemt öffentliche Züchtigung, öffentliche Hinrichtung. Das in institutionellen Staaten beliebte Beseitigen, Verschwindenmachen, und zu ewiger Untersuchung und Einsperrung Verurtheilen trägt einen despotischen Charakter, ist freyen Nationen unwürdig. Der Luxus unserer modernen Freiheitsstrafen ist ein Beweis, wie wenig wir noch die Freiheit zu achten verstehen. Ihre Berufung auf die alten Germanen erscheint mir nicht stichhaltig. Die Germanen hatten keine Gefängnißstrafe, wohl aber eine Todesstrafe. Auch verstehe ich die Humanität nicht, die dem Menschen nicht die Haut anregen will und bei dieser sentimentalen Weichlichkeit doch lebenslängliche u. langsam zu Tode marternde Einsperrungen in verschwenderischer Menge verfügt. Unsere sogenannte Humanität ist grausamer als es die sogenannte Barbarei war. Auch die Moral, daß das Leben der Güter höchstes sey, daß ein ehrloses Leben immer noch mehr werth sey als der Tod, diese Moral macht dem 19ten Jahrhundert keine Ehre. Eine Gesetzgebung, welche die Menschen gewöhnt, sich gerne alles gefallen zu lassen, wenn es nur nicht die Haut anregt, nur nicht schneidet und sticht u. weh tut, eine solche Gesetzgebung scheint mir nicht auf der Höhe der Menschheit zu stehen. Raum u. Zeit fehlen mir hier, um Ihnen meine Einwendungen vollständig mitzutheilen [...]".

Etwas gebräunt.

Art.-Nr.: BN#40877 Schlagwort: