Fräulein Gusti Adler

Adler, Gusti, Privatsekretärin von Max Reinhardt (1890-1985). Nachlaß bestehend aus Werkmanuskripten und -typoskripten, Zeichnungen, Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen, Notiz- und Adressbüchern und sonstigen Lebenszeugnissen, Fotografien von Gusti Adler und Angehörigen.

Verschiedene Orte, etwa 1905 bis 1985.

1) Manuskripte und Typoskripte. Zusammen ca. 3715 Bll.

2) Korrespondenzen. Ca. 27.244 Bll.

3) Lebenszeugnisse. N. a.

4) Fotografien und Fotonegative. Ca. 5000 Stück.

 150.000,00

Der hier vorliegende Nachlass umfasst nicht nur die gesamte eigene Lebensspanne von "Fräulein Gusti Adler" - eine Anrede, auf die sie stets höchsten Wert legte -, sondern reicht in noch tiefere Vergangenheit, nämlich in die Jugend ihrer Eltern und Großeltern. Schon durch seinen beeindruckenden Umfang - allein schon die über Jahrzehnte hinweg mit Helene Thimig geführte Korrespondenz umfasst etwa 1040 Schreiben - dokumentiert er die mannigfaltigen und weitreichenden Interessen, die sich von eigener literarischer Arbeit und Übersetzungstätigkeit über Malerei, Theater und Film bis hin zu Reisen erstrecken. Adlers akribischer Sammelleidenschaft sei es gedankt, dass wir nicht nur mit Reisetagebüchern, -notizen und -erinnerungen, sondern auch durch eigene Anschauung mit Hilfe von unzähligen Fotos ins Italien der 1890er bis 1970er Jahre, durch die Bergwelt Mitteleuropas der 1910er Jahre, durch das Europa vor dem Zweiten Weltkrieg, durch Guatemala, Mexiko, Hollywood, San Francisco und New York in den 1950er Jahren, nach Italien und in die Türkei der 1960er Jahre und schließlich ins Venedig der 1970er Jahre reisen können.

In Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen, Notiz- und Adressbüchern werden nicht nur die frühen ersten Jahre in Salzburg, d. h. der Salzburger Festspiele, wieder lebendig ("sehr interessante Briefe v. mir über 1. Salzburger Zeit (Bahr, Zweig, Faistauer etc.)", so ihre Beschriftung auf einem Umschlag), sondern auch die Jahre vor und nach der Emigration, zumal nicht nur sie selbst, sondern auch ihre im weiteren Sinne engste Familie emigrierte: neben Mutter und Schwester auch Max Reinhardt, Helene Thimig und zahlreiche andere aus Reinhardts Umfeld; ein Brieftyposkript, das "für Marianne … geschrieben" wurde, und Reisetagebücher erzählen von dieser "Reise nach Amerika".

"Workshop-Notizen" beleuchten weiters die Jahre von 1939 bis 1941, in denen Adler weiter für Reinhardt und für dessen Workshop of Stage, Screen and Radio tätig war. Korrespondenzen, Briefentwürfe, Notizen, aber auch Photos, Zeitungsausschnitte, Filmmagazine und nicht zuletzt ihr Firmenausweis geben Auskunft über die beinahe vier Jahrzehnte lange Tätigkeit für Warner Bros. und runden ein bewegtes Leben ab, das in den Hauptstädten zweier Monarchien begann, mit Max Reinhardt über viele europäische Bühnen führte und schließlich in den Hollywood Hills sein Ende fand.

Gusti Adler, 1890 in Brixen geboren, war die Tochter der Malerin Maria Adler und des Gutsbesitzers und späteren Journalisten Heinrich Adler, dem Bruder von Victor Adler, des Begründers der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei; ihre Schwester war die Künstlerin und Restauratorin Marianne Adler. Nach einer Ausbildung zur Bildhauerin bei Richard Kaufungen in Wien wechselte sie zu Malerei und Kunsthandwerk über und schrieb seit 1913 Artikel für das Feuilleton des "Wiener Fremdenblatts". Nach ihrer Übersiedlung nach Berlin schrieb sie unter dem Pseudonym Christoph Brandt für Wiener und Berliner Zeitungen und gab Schriften von Jean Paul und Georg Forster heraus.

Durch Vermittlung ihrer Jugendfreundin Helene Thimig lernte sie 1919 Max Reinhardt kennen und wurde wenig später für zwei Jahrzehnte dessen Privatsekretärin und, mehr noch, dessen rechte Hand, die nebst vielen privaten Dingen für Reinhardt auch einen Großteil von dessen Inszenierungen organisierte, vor allem bei den Salzburger Festspielen.

1939 folgte sie Reinhardt in die USA und arbeitete an dessen "Workshop for Stage, Screen and Radio" mit. Nach Reinhardts Tod im Oktober 1943 arbeitete sie bis zu ihrem 80. Lebensjahr in der Dokumentationsabteilung von Warner Bros. in Hollywood.

1946 erschien ihr Buch "Max Reinhardt - Sein Leben", 1980 folgte "… aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen". Gusti Adler verstarb 1985 in Hollywood.