Ischler Frauen-Arzneibuch

[Medizinische Handschrift]. (Anna) Maria Magdalena Winkler, geb. Seeauer, Ischler Bürgerin (1668-1745). Ein sehr nützlicheß unnd approbiertes Artzenney-Puech, inn welchem sehr guette Stuckh zu unndterschiedlichen Khranckheiten und Zuestanndten zu fündten seinn. Anno 1688. Maria Magdallenna Winckhlerin gebohrne v. Seeau gehörig.

[Ischl], 1688.

Deutsche Handschrift auf Papier (Wasserzeichen: gekrönter Doppeladler, Beizeichen CH), wohl von zwei oder drei verschiedenen Händen. 196 ungez. Bll. mit 197 beschr. Seiten. Zeitgenössischer Halbpergamentband mit Resten von Bindebändern. 4to (158 × 200 mm). Einliegend 9 Zettel bzw. Blätter unterschiedlichen Formats - teils gefaltet und mehrseitig beschrieben - mit weiteren Rezepten (darunter der Rest eines Briefes, an die Besitzerin in Ischl adressiert), außerdem ein Streifen Baumwollgewebe des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts.

 18.000,00

Umfangreiche, privat angelegte medizinische Handschrift aus dem Besitz und wohl auch großteils geschrieben von einer Ischler Patrizierin. Die enthaltenen Rezepte gehen teils anscheinend auf volksmedizinische Überlieferung, zumeist aber auf Paracelsische Vorlagen bzw. die von Paracelsus beeinflusste Arzneikunde und chemische Medizin der Renaissance zurück, so gleich das erste, "daß gerechte Froschlaichpflaster" (Bleiweißpflaster), wie es bereits im 16. Jahrhundert Chirurgen weithin zur Wundheilung einsetzten: "Froschlaich 2 lb., Baumöll 1½ Virting, Wein Essig 3 loth. Lass es mit ein andter sieden bis die Feichtigkeith verraucht und nur daß Öll verbleibe, dan du mues es hernach durch ein [Sieb] durchseihen, daß die schwartzen Eier in und ander Unflath darvon weg khumbt, hernach due darein Bleyweis 8 loth, Bleyzucker 2 loth, lass es wider ein wenig sieden und du must alleweil riechen, damit du es nicht verbrenest, so dan duehe darein Weißwax 1½ Vierting, lass es wider ein wenig sieden, und hernach von Feurer gethan thue darin Weisses Vitriol 1 loth, Rohen Alaun ½ loth, Ca[mp]her 2 Quintl, riche so lang bis es kalt wirdt, hernach mach Zapfen darauß, due es reecht mit Öll wo gaffer darein ist und zächs recht endereinander, so dan ist es bereith." Es folgen "daß gerechte Fontonell Pflaster" und die "Jungfrau Milch", sodann nach einigen Leerblättern zahlreiche den Kopf betreffende Rezepte, darunter "das edle Khopff Bulffer", "fier die Pluet Schuß im Khopf", "fyer das Haubt Wehe der Khinter", "Wann ein Personn verwüret ist in Haubt", "fuer den Wuremb im Khopf", "füer den großen Khopf Wehe", etc. Zu den ferneren Rezepten zählen "ein khöstliches Wuntt Trankh", "Khrafft Wasser vor den Schlag", "Etles Trisanet Pulver, vor den Schlag, vor Schwacheit des Herzen, Bletigkeit des Mang, der Löber", "Inwendig grosse Hizen", etc. Andere Rezepte betreffen die inneren Organe und Atemwege ("Räynigung des Mangs", "Geschwollen Mangen", "Wer hart umb Prust", "Vor Huesten", "Vör Lung- und Lebersucht, Huesten, auch Stäckhen auf der Prust"), Gynäkologisches und Geburtshilfliches ("Wann ein Frau nit gebehren khan", "Wann das Khünntt nit kan ledig werten", "Von Mangel der monatlichen Zeit") sowie Zahnmedizinisches ("Vor Zahn Wehe", "Zahn ohne Schmerzen herauszunemben", "Vor Munntfeille"); auch finden sich Rezepte für Emetika ("Vor Erbrechen daß der Mangen nichts behalte") und für zahlreiche Salben ("zu den Prysten", "vor Reissen und Grimmen") oder "vor Wuremb im Leib", "Von Clystier- und Purgiern", "fier die Rotte Rueh" sowie "so einen der Leib Tarmb ausgeht, den Layb Darmb hinein zu bringen". Manche Rezepte zeigen die Grenzen des naturwissenschaftlichen Verständnisses ihrer Zeit (eines "vor Anwax ter Khüntter" besteht aus einer Rosentinktur, mit der ein Tuch getränkt wird, das dem Kind auf den Kopf gebunden werden soll), andere fallen in das Gebiet des Quasi-Magischen ("Krumpe und lammbe Gliter zu haillen, es wirt die selbe verzaubert, und also gemacht worten, mit der Hilffe Gotes abzuhelfen", "Wahrer Gebrauch und Nuzung des Pulvers des Lebens"). Obwohl an der Handschrift anscheinend mehrere Hände mitgewirkt haben, stammt jedenfalls ein großer Teil von der Schreiberin des Titels, die wohl mit der Besitzerin selbst identifiziert werden darf. Die am 7. Juni 1668 geborene Maria Magdalena Seeauer entstammte der bekannten, seit dem 14. Jahrhundert nachweisbaren Ischler Salzfertigerdynastie; sie war die Tochter des örtlichen Salzfertigers, Ratsbürgers und Marktrichters Simon Seeauer (1615-1704) und Schwester des Johann Ignaz Seeauer (1661-1709), der seinem Vater in allen Ämtern nachfolgte. Zehn Tage nach ihrem 19. Geburtstag heiratete Maria Magdalena in Ischl den 36jährigen gebürtigen Grieskirchner Johann Richard Winkler; im Folgejahr begann sie, das vorliegende Rezeptbuch zu führen. Sie starb am 9. März 1745 in ihrer Heimatstadt, 27 Jahre nach ihrem Gatten.

Einband etwas berieben, Papier gering gebräunt. 9 Bll. im Buchinnern mit kleiner Wurmspur (gelegentlich minimale Buchstabenberührung), jedoch im Ganzen sauber, fleckenfrei und für eine Gebrauchshandschrift von ungewöhnlich guter Erhaltung. Das einliegende Stück Baumwollgewebe dürfte den authentischen Typus des im frühen 18. Jahrhundert z. B. als Salbenträger verwendeten Stoffpflasters darstellen.

Art.-Nr.: BN#48462 Schlagwörter: , , , , ,