"Intraboque torum, nuda puella, tuum": Messordnung mit unkeuscher Nonne, "assolutamente oscena"

[Manuale parochialium sacerdotum]. Manuale parrochialium sacerdotu[m] multu[m] perutile. (Dabei, in lateinischer Handschrift:) [Dissertatio monialis et juvenis].

[Reutlingen, Johann Otmar, ca. 1492].

(12) Bll. Mehrere in brauner Tinte eingemalte Initialen; teilweise rot rubriziert. Die unbedruckte Versoseite des letzten Blatts mit zeitgenössischer Handschrift [Dissertatio monialis et juvenis] (lateinische Bastarda, 27 Zln. per extensum). Moderner Halbpergamentband über Marmordeckeln. 4to.

 12.500,00

Noch frühe Ausgabe dieser Anweisung für den Messdienst, erstmals ca. 1483 erschienen. Exemplare weltweit in 19 Bibliotheken vertreten, davon nur eines in den USA (Bryn Mawr College, Goodhart Medieval Library).

Titel etwas gebräunt und fleckig; alte Signatur in brauner Tinte. Einem alten Sammelband entnommen und alt paginiert 197-220. Auf der unbedruckten Versoseite des letzten Blatts findet sich eine zeitgenössische Abschrift des auch als "Versa de monachis et clerico" bekannten mittellateinischen Gedichts, in welchem der Topos von der unkeuschen Nonne in neun dialogischen Distichen zwischen der Ordensfrau und einem gottesfürchtigen jungen Mann ausgestaltet wird ("Monialis dicit / Juvenis respondet"). Der Text ist - stellenweise abweichend - u. a. überliefert durch ein ins 13. Jh. datiertes Pergamentmanuskript in der British Library (MS Cotton. Cleop. B. ix, fol. 13) sowie durch eine Handschrift des 14. Jhs. in der Bürgerbibliothek Bern (Cod. 434, fol. 49v-50r; vgl. Hagen, Catalogus codicum Bernensium [1875], S. 381, Nr. 434.22); die Edition nach einer böhmischen Handschrift lieferte J. Feifalik in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Classe, Bd. 36 (1861), S. 168. Der erste Druck erschien vermutlich 1636 in London im anonymen "Fasciculus Florum" (unter Nr. 794: "Pulcherrima dissertatio monialis et juvenis", mit englischer Übersetzung). In diesem nur bedingt für ein Messmanual geeigneten Poem empfiehlt sich die Nonne dem jungen Mann durch ihre Zuneigung, Schönheit und Jugend und bietet an, ihm zuliebe ihren schwarzen Habit abwerfen und mit ihrem schneeweißen Leib zu ihm ins Bett steigen zu wollen ("Deponam velum deponam caetera quaeque / Intraboque thorum nuda puella tuum"). Jener aber weist sie zurück: Sie ist bereits die Braut Christi, und mit dem Weib des Herrn die Ehe zu brechen ist ein doppelt schweres Verbrechen ("Nupsisti Christo [...] / Uxorem violare viri grave crimen habetur / Sed gravius sponsam te violare Dei"). So wird die Lust der Nonne von den weisen Worten des jungen Mannes überwunden, und sie gibt sich geschlagen: "Gaudeo quod verbis sum superata tuis". Trotz des sittsamen Ausgangs befand der italienische Literaturwissenschaftler Umberto Ronca 1892, das Gedicht (das H. Hagen, "Carmina medii aevi maximam partem inedita" [1877], S. 206f., aus der Berner Handschrift ediert hatte) müsse als "assolutamente oscena" bezeichnet werden (Cultura medioevale e poesia latina d'Italia, S. 159): Umso bemerkenswerter ist die Unterlage, die der Schreiber für seine vorliegende Kopie gewählt hat.

H 10725*. Goff M-220. GW M20701. BMC II 587. Proctor 2717. BSB-Ink M-141. Bod-inc M-075. Sheppard 1985. IA 10729.