Noch nie im Handel: Siegelurkunde des Wolfger von Erla, Gönners des Walther von der Vogelweide

Wolfger von Erla, Patriarch von Aquileia (1140-1218). Urkunde.

Antro (bei Cividale del Friuli), 25. IV. 1206.

Lateinische Urkunde auf südlichem Pergament mit Plica. 29 Zeilen, unliniert. Ca 366 × 206 mm, sorgfältig und regelmäßig hochrechteckig zugeschnitten. Daran hängend tief eingedrücktes Rundsiegel mit thronendem Bischof mit Mitra und Bischofsstab in Segensgestus in dunkelbraunem Wachs, Durchmesser ca. 85-90 mm, ca. 25 mm hoch an gelber, doppelt gelegter Seidenkordel durch zwei rautenförmige Löcher in gleicher Höhe durch Plica (Siegel am unteren Rande weggebrochen, Kreissegment von ca. 70 mm Länge und maximal etwa 15 mm Breite im unteren linken Viertel verloren). Dreifach längs und zweifach quer gefaltet, eine Fehlstelle von ca. 3 × 2 mm. Keine Einträge unter Umbug. Rückvermerk des 14. Jh. ("P[rivilegium] absoluc[i][onis] s[e] Theoloneii in toto patriarchatu", in blasserer Tinte "etc"), weitere neuzeitliche Signaturvermerke. In maßgefertigter Halbmaroquinkassette.

 50.000,00

Die einzige jemals in den Handel gelangte Urkunde des Wolfger von Erla, dem die Literaturgeschichte das einzig überlieferte Lebenszeugnis Walthers von der Vogelweide verdankt, in hervorragendem Erhaltungszustand. Als Patriarch von Aquileia bestätigt Wolfger dem Kloster St. Paul im Lavanttal auf Bitten des Abts Ulrich die Privilegien seiner Amtsvorgänger Ulrich II. und Gottfried über die Mautbefreiung, die diese Abt Pelegrin und seinen Mönchen gewährt haben.

Die Zeilen sind weitgehend gerade und regelmäßig, linker wie rechter Rand weitgehend gerade. Das Layout ist völlig schlicht ohne jede Hervorhebung, die Urkundenbestandteile sind kaum voreinander abgesetzt. Die Schrift ohne Auszeichnungselemente ist eine italisch geprägte flüssige, wenig kursiv beeinflusste, leicht linksgeneigte Urkundenminuskel mit deutlich ausgezogenen und geschwungenen, bei f und langem s schlingenartig nach links gezogenen Oberlängen mit leicht verdünnend und oft mit hakenartigem Abstrich nach oben links ausgezogenen Unterlängen in mittelbrauner Tinte. Vereinzelt finden sich Rasuren zur Korrektur.

Für den nach seiner Regierungszeit als Bischof von Passau von 1204 bis zu seinem Tod als Patriarch von Aquileia amtierenden Wolfger von Erla sind nach den Forschungen von Reinhard Härtel (Graz) 50 Urkunden und Briefe überliefert; keines dieser Stücke war in den letzten 100 Jahren nachweisbar im Handel. Die Urkunde trägt wie im Urkundenwesen Wolfgers üblich eine Schreibernennung, hier die des Kanonikers und Kapellans des Patriarchen Bertold. Das Schriftstück ist wie die meisten Patriarchenurkunden Wolfgers eine einfache Ausfertigung ohne Elongata oder andere Auszeichnungsschrift: Als einziges Auszeichnungselement neben dem Siegel begegnet ein von je einem Punkt in den Quadranten begleitetes kleines Krukenkreuz vor dem Textbeginn. Von den 50 bekannten Urkunden Wolfgers waren 22 Siegelurkunden, davon eine doppelt überliefert. Wir wissen somit von 23 Siegelurkunden, von denen neben der vorliegenden nur 10 oder 11 original erhalten sind. Das gut erhaltene Patriarchensiegel ist somit trotz des Ausbruchs eine wesentliche Erweiterung des sphragistischen Materials.

In seinem Reiserechnungsbuch dokumentierte Wolfger berühmterweise am Martinstag 1203 ein großzügiges Geldgeschenk von 5 Schilling für "Waltherus cantor de Vogelweide" zwecks Erwerb eines Pelzmantels - das einzige sichere Datum im Leben des Minnesängers und das einzige auf einen deutschen Lyriker des Hochmittelalters als "Dichter" bezogene urkundliche Zeugnis überhaupt. Zugleich genoss Wolfger seinerzeit einen Ruf als geschickter Diplomat und Vermittler. Mit seinen zahlreichen Reisen zwischen dem Reich und Italien, wo er kaiserlicher Legat war, wirkte er in der Spitzenpolitik des Reichs mit; so war er 1194 in die Konfliktlösung nach der Geiselnahme Richards I. Löwenherz eingeschaltet. 1197/98 nahm er am Kreuzzug Heinrichs VI. teil, im Zuge dessen er auch bei der Gründung des Deutschen Ordens eine Rolle spielte.

Die vorliegende Urkunde war spätestens seit der josephinischen Auflösung des Benediktinerklosters St. Paul 1782/87 spurlos verschollen und nur durch spätere Überlieferung bekannt. Eine eingehende wissenschaftliche Überprüfung des nun aus aus Privatbesitz wieder zugänglichen Stücks erfolgte durch Univ.-Prof. Dr. Mark Mersiowsky, Universität Stuttgart, Editor der Urkunden König Heinrichs (VII.) für die Diplomata der MGH, dem für die Beschreibung gedankt sei.

Vidimus des Wiener Hofkammerarchivs von 1791 in St. Paul. Mon. duc. Car. 4/1, 29, 1587. Fontes rer. Aust. II., 39, 108. Härtel, WA 4, 186.

Art.-Nr.: BN#53041 Schlagwörter: , ,