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"Tu vermis es": der einzige Brief Luthers an Melanchthon in Privatbesitz

Luther, Martin, Theologe und Reformator (1483-1546). Eigenh. Brief mit U. ("Martinus").

[Veste Coburg], "feria quinta post Eq[uinoctium] autumni" [= 15. IX.] 1530.

Lateinische Handschrift auf Papier. 1½ SS. Folio. Mit Siegelspur und Adresse.

Großer, wichtiger Brief Luthers an seinen engsten Vertrauten, geschrieben in der kritischen Situation wenige Wochen nach Zurückweisung der Confessio Augustana durch die römische Kirche auf dem Augsburger Reichstag. Das Schreiben bildet Luthers Schlußwort an Philipp Melanchthon in Augsburg, wo dieser und seine Wittenberger Mitstreiter sich - in Vertretung für den geächteten Luther - bemüht hatten, den protestantischen Glauben reichsrechtlich anerkennen lassen. Luther hatte seine Freunde bis Coburg begleitet, an die südlichste Grenze des sächsischen Territoriums, und blieb von der Veste aus mit seinen Gefährten auf dem Reichstag in regem Briefkontakt, wobei er Melanchthons Kompromißbereitschaft mit Skepsis registrierte. Die "Confessio Augustana", an deren Ausarbeitung Melanchthon den größten persönlichen Anteil hatte, war am 25. Juni 1530 übergeben worden; die katholischen Theologen Eck und Faber hatten am 3. August mit der "Confutatio Augustana" repliziert. "Am 30. August brachen die Lutheraner die Verhandlungen des kleinen Ausschusses ab. Es sollten keine Zugeständnisse mehr gemacht werden. Die von Melanchthon getragene Verhandlungspolitik hatte zu keinem Resultat geführt [...] Melanchthon sah mit Bangen einem möglichen bewaffneten Konflikt entgegen" (Brecht, 390f.). Mitte September legte Melanchthon gerade letzte Hand an seine "Augsburger Apologie", welche die "Confessio" verteidigen und die "Confutatio" widerlegen sollte - doch der Reichstag neigte sich dem Ende zu, und Luther, der genug hatte von Ecks "nichtigen Sophistereien" ("Eccius & adversarii hoc futili cavillo causam fatigant") und sich seine Gefährten aus der letztlich unmöglichen Augsburger Situation dringend zurückwünschte, gebot diplomatisch Einhalt. In seiner Biographie des Reformators paraphrasiert Martin Brecht diesen wesentlichen, mit kraftvollen Bibelzitaten argumentativ unterfütterten Brief: Die Freunde hätten "das Bekenntnis abgelegt, Frieden angeboten, dem Kaiser Gehorsam erwiesen, Unrecht und Schmähungen auf sich genommen und sich damit als treue Glieder Christi erwiesen, die sich ihres Dienstes nicht zu schämen brauchten und auf Erlösung hoffen durften. Das Angebot, mit dem Kurprinzen heimzureisen, schlug er aus. Er wollte auf die Freunde aus Augsburg warten" (ebd., 391). Obwohl das Wetter stürmt, scheint Luther selbst einen Augenblick der Entspannung nach den Monaten des Ringens zu erleben; er vermutet, daß "die Winde, welche jetzt selbst das Schloß erbeben machen und nun draußen brausen, in meinem Kopfe gewesen sind und mir einmal wieder in den Kopf zurückkehren werden." Zur gelösten Stimmung in diesem Schreiben passt Luthers Bericht von einem besonderen Geschenk des Kurprinzen Johann Friedrich: Ein goldener Siegelring mit der Lutherrose, deren Gestalt und Symbolik Luther erst kurz zuvor, in einem nicht minder berühmten Coburger Brief an Lazarus Spengler vom 8. Juli, für die Nachwelt geschildert hatte. Indes hatte der Kurprinz, von Luthers Leibesfülle falsch auf seinen Fingerumfang schließend, den Ring zu weit bemessen, so daß er dem Beschenkten sofort vom Daumen zur Erde fiel. Luther interpretiert die Episode, sie wolle ihm zeigen, dass er nun einmal nicht geboren sei, Gold zu tragen ("ut viderem non esse me natum auro gestando"). Mit ebenso derbem wie bibelfestem Humor (Psalm 22,7) habe der Fürst kommentiert: "Du bist eben ein Wurm und kein Mensch; dem Faber oder dem Eck sollte man ihn schenken - dir würden Blei oder ein Seil besser stehen, oder gleich ein Strick um den Hals!" ("Tu vermis es, [et non homo]; Fabro & Eccio debebat donari, tibi plumbum seu restis [potius con]veniebat, aut funis in gutture").

Früh aus einer Sammlung herausgeschnitten, dadurch etwas Beschnitt am linken Rand (der Text der vollbeschriebenen Rectoseite unversehrt; Verlust der Zeilenenden verso). Kl. Faltenschäden restauriert; leicht gebräunt und etwas fleckig. Noch 1934 im Besitz des Heinrich von Hymmen auf Haus Unterbach/Erkrath; von der Weimarer Ausgabe nach Fotografie ediert. Die Familie trat klar für die evangelische Sache ein: während der Zeit des Nationalsozialismus stellte Heinrich seine Burg der illegalen Bekennenden Gemeinde für Gottesdienste zur Verfügung; der Theologe Johannes Hymmen war ab 1936 Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchenrats. Der bedeutendste Lutherbrief im Handel seit Luthers Vermächtnisbrief von 1518 an die Wittenberger Freunde (2010 durch uns für EUR 280.000.- verkauft), zugleich auch der einzige je in den Handel gelangte Brief Luthers an Melanchthon.

Luther, Werke: Krit. GA, Briefe V (Weimar, 1934), Nr. 1719 (SS. 621-624). Chyträus 289. Buddeus 204. Schütze II, 188. De Wette IV, 164. Enders VIII, 258. Martin Brecht, Martin Luther II: Ordnung und Abgrenzung der Reformation, 1521-1532 (Stuttgart, 1986), S. 391.