Böckh, August, Philologe und Altertumsforscher (1785-1867). Eigenh. Brief mit U.

Berlin, 10. I. 1865.

2½ SS. auf gefalt. Doppelblatt. 8vo.

 280.00

Brief an einen namentlich nicht genannten Professor. Inhalt sind die Schilderungen des Adressaten zu einem weit zurückliegenden Geschehen: "Ihre sehr merkwürdigen Mittheilungen vom 21. Nov. d. J. habe ich gleich nach Empfang mit großer Theilnahme gelesen. Wenn ich desen ungeachtet Ihr gefälliges Schreiben so spät beantworte, so hat sich dies theils aus den für alle [...] Erwiderungen gültige Gründe, wie sie gewöhnlich angeführt werden und ich sie der Wahrheit gemäß anführen könnte, ergeben, theils aber ist es eine Folge des Eindruckes, den sie Wunderbarkeit der Sache auf mich machen mußte; was man über ein solches thaumasion sagen oder denken soll, stellt sich dem Betrachtenden schwer heraus, und er wird etwas rathlos; daher wird er sich nicht recht äußern können. Das Gedächtniß jener frühen Jahre ist, zurück in einer ganz neuen Lage und unter veränderten Verhältnissen, mir in hohem Gradt erloschen, doch kommt es mir so vor als ob in einem Winkel meines Gehirns eine schwache Spur dessen säße, ich hätte einmal etwas gehört, was an Ihre Mittheilungen [anstreifte], aber es kann auch eine Täuschung seyn. Denn sinnt man über etwas anhaltend nach, so kommt man nicht dahin zu glauben, man hätte es wirklich schon einmal gewußt, und es ist doch nicht wahr. Wie sich dies auch verhalten mag, so zeigen Ihre Zeilen eine so volltständige Kenntniß der damaligen Verhältnisse, daß ich darauf ein großes Gewicht legen muß. Nur eines ist mir darin sehr unklar, und obgleich es mit dem Hauptgegenstand Ihres Briefes, namentlich in wie weit ich darin berührt bin, keinen nahen Zusammenhang zu haben scheint, erlaube ich mir deßhalb eine Anfrage. Sie sagen, in der akademischen Wirklichkeit habe der blutige Dolch einen zu lößenden Knoten geschürzt, jedoch nur durch die hinzugetretenen Selbsttäuschung eines berühmten Gelehrten über die wahre Bedeutung und Ursache des [...] Dolchstiches. Ich weiß nicht anders als daß die gewöhnliche Erzählung von jenem Dolchstich der Wahrheit gemäß ist; Sie scheinen aber einen anderen Text der Tragödie zu haben, und hierüber müßte ich wohl unterrichtet seyn, da ich der einen der Hauptpersonen, nicht jedoch der weiblichen, die ich ein gesehen haben, so nahe standt. Die Hauptpersonen nicht allein, sondern auch die unten stehenden, von denen ich meine Kunde hatte, sind jetzt alles todt. Diese waren mir sehr lieb; ich muß es aber schon hinnehmen, daß alles um mich abgestorben ist und daß ich fast vereinzelt in der Welt stehe. Ich sage fast, da im vorigen August auch meine zweite Frau gestorben ist; es sind mir nur ein Sohn und eine Tochter und von diesen und einem Verstorbenen Sohne freilich 9 Enkel geblieben. Mit meiner Tochter und den ihrigen (sie ist an Gneist verheiratet) lebe ich jetzt zusammen. Sie stellen in Aussicht eine noch weitere Mittheilung und Aufschlüße geben zu wollen, wofür ich Ihnen dankbar seyn werde. Aber was Sie mir geschrieben haben, was alles vom Herzen ging, verbindet mich schon hinlänglich als ein Denkmal Ihrer Liebe und Ergebenheit, und um Ihnen dankbar zu seyn, bedarf ich keiner neuen Gaben. Und habe ich gesagt, das Gedächtniß jener frühen Jahre Sie mir in hohem Grade erloschen, so muß ich dies [kurz] dahin berichtigen, dass ich mich Ihrer lebhaft erinnere, obgleich über ein halbes Jahrhundert verfloßen ist, seit wir und zuletzt sahen [...]".[...]".

Böckh gehörte zu den ersten Professoren der 1810 gegründeten Berliner Universität. Böckh wurde insgesamt sechs Mal Dekan und übte fünf Mal das Amt des Rektors aus. 1814 gründete Böckh das „Philologische Seminar“ und wurde ordentliches Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften. Zwischen 1835 und 1861 war Böckh Sekretär der Philosophisch-historischen Klasse der Berliner Akademie.

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