Missale. Lateinische Handschrift auf Pergament.

Nordfrankreich, um 1500.

105 (ohne das weiße Bl. 82) römisch num. Bll. mit 2 blattgroßen und 23 kleinen Miniaturen sowie 3 großen und 438 kleinen Initialen in Gold und Farben. Meist 29 Zeilen pro Seite in eleganter schwarzer Bastarda mit roten, vereinzelt auch goldenen Überschriften und Hervorhebungen; zahlreiche Rubriken und kleine Initialen in Gold auf blau oder rot. Die Bll. 101r-105r mit etwas späteren Zusätzen in schwarz und rot, am Schluss 2 unnum. Pergamentbll. mit Inhaltsverzeichnis in rot eingebunden (wohl aus der Zeit des Einbands). Durchgehend mit originalen Lagenbezeichnungen (ab8, c10, d-n8) und Kustoden. Grüner Samtband um 1550 mit weißen Seidenspiegeln und Pergamentvorsätzen. Dreiseitiger Goldschnitt. Gr.-8vo (ca. 140 x 203 mm). In maßgefertiger Halbmaroquinkassette.

 185,000.00

Besonders sorgfältig ausgeführtes Manuskript mit bemerkenswerter Ausstattung durch den Pariser Illuminator Jean Coene IV, genannt der "Meister der Pariser Einzüge". Neben den Hunderten auf Goldgrund gemalten, meist mit Blumen, Beeren und Blättern geschmückten Initialen enthält die Handschrift folgenden Bildschmuck: fol. 7v Hl. Hieronymus (28:30 mm); 19r Abendmahl, im unteren Teil zwei Nonnen und ein junger Geistlicher im Gebet (148:102 mm); 20v Thronender Gottvater, umgeben von den vier Evangelistensymbolen, im unteren Teil 12 Nonnen und derselbe junge Geistliche im Gebet (148:104 mm); 27r Geburt Christi (50:47 mm); 28v Auferstehung (37:34 mm); 29v Himmelfahrt Christi (42:46 mm); 40v Madonna auf der Mondsichel im Strahlenkranz (48:53 mm); 43v Die Jungfrau im Tempel (60:56 mm); 44v Christus im Tempel (60:56 mm); 46r Mariä Verkündigung (41:43 mm); 48r Heimsuchung (65:53 mm); 49r Mariä Himmelfahrt (45:38 mm); 50v Gottvater umgeben von der Schar der Heiligen (54:58 mm); 53v Johannes auf Patmos (48:43 mm); 55r Hl. Benedikt von Nursia (25:36 mm); 56r Johannes der Täufer (48:45 mm); 57v Maria Magdalena (44:39 mm); 59v Hl. Anna mit der Jungfrau (45:44 mm); 62r Hl. Paulus (28:29 mm); 64r Hl. Petrus (23:24 mm); 74r Hl. Franz von Assisi (34:31 mm); 77v Hl. Adrian (28:30 mm); 78r Hl. Katharina mit der Jungfrau (45:50 mm); 79r Der Gekreuzigte mit zwei Heiligen (40:36 mm); 89r Ein Heiliger mit Bischofsstab und Herz (23:23 mm). Diese Miniaturen, durchwegs von überdurchschnittlich hoher Qualität, zeigen zarte Ausführung und harmonische, kraftvolle Farbgebung. Die Hervorhebung des Hl. Dionysius (76rv) lässt vermuten, dass die prachtvolle Handschrift für einen Pariser Auftraggeber hergestellt wurde, vielleicht ein Frauenkloster des Benediktinerordens (siehe die Hervorhebung auch dieses Heiligen und die Ordenstracht der in den beiden blattgroßen und in einigen der kleineren Miniaturen dargestellten Nonnen). Bei dem jungen Laienbruder, der in den beiden großen Bildern zu sehen ist, dürfte es sich um ein Selbstporträt Coenes handeln.

Jean Coene IV war ein vielbeschäftigter Illuminator in Paris zu Beginn des 16. Jahrhunderts, ein Zeitgenosse seines Kollegen Jean Pichore, mit dem er mehrfach zusammenarbeitete. Den Beinamen eines "Maître des Entrées parisiennes" erhielt er aufgrund der Bildfolgen, die er anlässlich der Einzüge der Mary Tudor als Ehefrau von König Louis XII. von Frankreich und der Claude de France als Gattin von François I. anfertigte.

Rücken leicht berieben, unten mit kleinen Wurmgängen. Die Bll. 79v, 80 und 81 sind zwar numeriert und liniert, blieben jedoch unbeschrieben; dasselbe wird wohl auf das fehlende Bl. 82 zutreffen. Auf die drei folgenden Bll. 83-85 sind beim Heraustrennen von Bl. 82 noch kurze Ritzspuren durchgegangen. Das Bl. 27 weist eine kleine Reparatur im weißen Längsrand auf, ganz vereinzelt sind unbedeutende Tinten- oder Farbwischer zu verzeichnen. Einige der Lagenbezeichnungen unten etwas beschnitten, davon abgesehen ist die Handschrift aber von frappant guter Erhaltung: breitrandig, sauber, ohne Farbabschürfungen. Die Miniaturen sind von ganz besonderer Frische. Wir danken Dr. Isabelle Delaunay, Paris, für Hilfe bei der Identifizierung des Künstlers.

Provenienz: Vorderes Vorsatzblatt recto mit Schenkungsvermerk von einem königlichen Beamten Coucault (?), datiert Saumur, 2. X. 1706 (und verso ältere Notiz zum Inhalt). Vorderer Spiegel mit altem Kaufvermerk und rot gedrucktem Holzschnitt-Exlibris des belgischen Druckers und Kunsthändlers Jean-Baptiste Verdussen (1698-1773), dessen Sammlung 1776 in den Handel gelangte. Am Vorsatz Ausschnitt aus einem französischen Auktionskatalog eingeheftet. Zuletzt: Hartung & Hartung, Auktion 62 (1990), Nr. 16.

Zum Künstler vgl. Isabelle Delaunay, "Le Maître des entrées parisiennes", in: Art de l'enluminure 26 (Sept.-Nov. 2008), S. 52-59, 62-69; die Identifikation mit Jacques Coene nach E. König, Kat. Tenschert 1997, S. 306-309, 320 sowie M. Orth, Renaissance Manuscripts: The 16th Century (2015), cat. 19-22.

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