Über das Salzburger Musikfest 1923: "Wenn nur schon das Geld und die Leute, die hineingehn, da wären!"

Korngold, Erich Wolfgang, Komponist (1897-1957). Eigenh. Brief mit U.

Alt Aussee, 23. VII. 1923.

2 SS. 4to.

 6,500.00

Spannender Brief an Richard Specht im Vorfeld des Salzburger Musikfests (8. bis 11. August 1923), das von der musikalischen Sektion des im Jahr zuvor auf Betreiben von Karl Anton Prinz Rohan österreichischen "Kulturbundes" ausgerichtet wurde und sich als Gegengewicht zu den von der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) veranstalteten "Internationalen Kammermusikaufführungen" (2. bis 7. August) verstand. "Da Richard Strauss, Mitbegründer der Festspiele, die Schirmherrschaft übernahm, und die berühmtesten zeitgenössischen Komponisten, wie Webern, Bartok, Hindemith, Honegger, Kodály, Milhaud, Poulenc, Bliss oder die IGNM-Gründer Rudolf Réti und Egon Wellesz anwesend waren, fühlte sich Julius Korngold [der mit aller Verve die "Neutöner" bekämpfte] kompromittiert und sann auf Vergeltung. Unmittelbar im Anschluss an das, auch im Sommer 1923 angesetzte IGNM-Musikfest musste sein Sohn Erich als Aushängeschild für ein Gegenfest herhalten und diesem 'musikalischen Staatsstreich' in Mozarts Geburtshaus, gemeinsam mit anderen 'Traditionalisten', wie z. B. Marx, Schreker, Zemlinsky oder Bittner, zu einem großen Publikumserfolg verhelfen" (Gipperich, 34).

"Längst hätte ich Dir schon geschrieben, wäre ich nicht mitten in meiner Arbeit und mit Salzburger Kürzungen überhäuft! Lass' Dir zunächst von Herzen für alles danken, was Du für unsere Sache geleistet hast und weiterleistest! Bist Du doch wahrlich die Seele des ganzen, und dazu auch noch eine sehr 'materielle' Seele […] Liedervorträge nach Deinem Vortrag halte ich aus zwei Gründen für nicht wünschenswert. Erstens muss einmal die Discussion über ein Programm geschlossen werden und dieses ein definitives werden. Zweitens aber wäre es allzu compliziert, weitere Mitwirkende zu engagieren, plötzlich den toten Mahler mit ein zu beziehn und die Preise für einen (billigen) Vortrag mit angehängten (teueren) Liedern festzusetzen und zu vertreten. Glaube mir, das Programm ist, so wie es jetzt ist, würdig und gut. Wenn nur schon das Geld und die Leute, die hineingehn, da wären!".

Schließlich kommt Korngold noch auf den Komponisten Emil Nikolaus von Reznicek zu sprechen, über den in diesem Jahr von Richard Specht 'Eine vorläufige Studie' (wie es im Untertitel hieß) bei E. P. Tal & Co. in Leipzig erschienen war, und auf Richard Beer-Hofmann: "Für Reznicek (wie schreibt sich dieser E. N. eigentlich?) wird sich nächstes Jahr noch mancherlei tun lassen. Vorausgesetzt, dass die Sektion noch besteht … […] Und mein Freund Beer-Hofmann? War er von der 'Violanta' zuerst begeistert, dass er nur mehr sieben Jahre benötigt, den Entschluss zu fassen, mir das Ding anzuvertrauen? Oder war ihm am Ende zu viel Musik drin und jetzt fürchtet er sich wieder für das nächste Jahrzehnt? Ein schrecklicher Mann! Dabei hab' ich schon so viele orientalische Einfälle! […]".

Über Richard Spechts Einleitungsvortrag, der das Salzburger Musikfest eröffnete, hieß es etwa in der "Salzburger Wacht": "Richard Specht, der Vorkämpfer von Wertvoll-Neuem, der Johannes der Pfitznerschen, Mahlerschen und Straußschen Kunst, der glänzende Musikschriftsteller am Vortragspult - das bedeutet einen guten Auftakt zu den bevorstehenden Konzerten und verschaffte einen genußreichen Abend. In scharfen, knappen Konturen entwarf Specht ein Bild des heutigen schaffenden Wien als Musikstadt. Mit feinen Spitzen gegen die Auswüchse und Anmaßlichkeiten des prä- und impotenten Atonalismus als Kunstprinzip schilderte er den Entwicklungsgang der Wiener zeitgenössischen Musik […]" (9. VIII. 1923, S. 4).

Etwas lichtrandig, sonst tadellos erhalten.

Elmar Gipperich: Erich Wolfgang Korngold, Karl Maria Schwamberger und das Cellokonzert op. 37. Ein unveröffentlichter Briefverkehr (Wien, Seminararbeit, 2010).

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