Aus dem Besitz des Theologen Johann Hofmüllner von Weitra

[Homiliarum]. Homilien von Augustinus, Beda u. a. (Und:) (Pseudo-)Petrus de Pilichdorf (= Petrus Zwicker). Liber contra Waldenses, cap. 1-21.

(Wohl Niederösterreich), vor 1447.

Lateinische Handschrift auf Papier. 228 Bll. (davon 7 weiß). Durchgehend von einer Hand in roter Tinte foliiert 1-216; es folgen 12 Bll. mit späterer Foliierung in Bleistift 217-228. Text von der ersten Hand fol. 1-150; fol. 157-216 und 217-227 ergänzt von zwei anderen Händen. Der erste Teil durchgehend, der zweite Teil vielfach rubriziert und mit roten Lombarden sowie Zwischenüberschriften. Rot gefärbter Ganzlederband der Zeit mit 14 Messingbuckeln, 1 von 2 ziselierten Messingschließen, und hs. Deckelschildchen ("Omelie Sanctorum"). Kl.-Folio (228 x 304 mm). In maßgefertigter Halbmaroquinkassette.

 45.000,00

Schöne Predigtenhandschrift des Spätmittelalters, aus dem Besitz des Wiener Theologen Johann Hofmüllner aus Weitra (gest. 1475); am Schluss ergänzt durch eine Waldenserschrift. Enthält im ersten Teil hauptsächlich aus Augustinus und Beda gezogene Homilien auf verschiedene Festtage und Bibelstellen:

1r: In vigilia ascensionis. S. Johan. In illo tempore sublevatis Ihesus oculis in celum ... Oml. bti. Aug. epi. Clarificatum a patre formam secundum sui filium ...

150v: Ach her got hilf. Finis adest libro sit laus et gloria. Explicit iste labor ... Deo gratias Amen.

151-156: vacant.

Es folgen weitere Homilien von Beda, Augustinus, Origines, Isidorus Hispalensis, Severin etc:

157r: Incipiunt omelie per circulum anni [...]. Igitur quoniam post tempus spiritualibus epulis nos reficere debemus [...].

216v: ... matres tulerunt quidquid et angoris extitit et doloris et ideo non [bricht ab].

Zuletzt die ersten 21 Kapitel von Petrus Zwickers "Liber contra Waldenses": 217r: Ortus et origo Waldensium haereticorum talis est ...; 227v: ... vel non commisit illud per sufficientiam poenitentiam diluit immediate [bricht ab]. In ca. 50 Handschriften überliefert, bildet diese von ihrem ersten Herausgeber Jakob Gretser fälschlich Petrus von Pilichdorf zugeschriebene Schrift den "wichtigsten literarischen Text über die Waldenser aus dem späten Mittelalter" (vgl. Biller, S. 237).

Provenienz: Mehrfache eigenhändige Besitzvermerke des Johannes Hofmüllner: "Iste liber est Johannis Hofmulnar de weyttra" (fol. 1r), "Hic liber est Johan[n]is Hofmuln[er] de weyttra. 1447" (fol. 150r). Später in der Bibliothek der Serviten in der Wiener Rossau mit ihrem gestochenen Exlibris des 18. Jhs. am vorderen Innendeckel (und kleinere Variante am ersten Blatt recto); hs. Signatur "MS 71" (alt: 21), gestrichen und in rotem Buntstift umsigniert "CV/19".

Der größte Teil der sonst bekannten Codices aus Hofmüllners Privatbibliothek befindet sich spätestens seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jhs. in der Bibliothek des Stifts Seitenstetten in Niederösterreich, nämlich insgesamt 17 (oder 18) Bände; ein Band findet sich in der ÖNB (Cod. 4059), ein weiterer (ehemals ebenfalls in Seitenstetten) in Baltimore, The Walters Art Museum (Ms. W.30). Ob die Seitenstettner Bände noch zu Hofmüllners Lebzeiten oder nach seinem Tod durch Vererbung oder aber durch Kauf ins Stift gelangten, ist nicht bekannt (vgl. Cerny, S. 8). Hofmüllner "begegnet als Schreiber erstmals 1437 [... als] 'cooperator divinorum' in Waidhofen an der Thaya. Ein Jahr darauf finden wir ihn bereits in Wien, wo er bald das Amt eines [Octonarius] bei St. Stephan ausübte, als welcher er ab 1445 bezeugt ist [...] Mit der Würde des Chormeisters ausgestattet begegnen wir Johann Hofmüllner dann ab dem Jahre 1448. Man spürt förmlich, wie Hofmüllner bemüht war, in der zeitgenössischen modernen Literatur am laufenden zu bleiben und er seinen Bücherschatz andauernd sowohl durch eigene Schreibtätigkeit als auch durch Kauf zu vermehren trachtete [...] Johann Hofmüllner war überhaupt ein wohltätiger Mann, der hohe Summen Geldes in frommer Gesinnung veräußerte" (ebda., S. 27f.).

Zustand: Einband berieben und stellenweise etwas beschabt. Die beiden Bll. 167-168 mit größerem, in den Text ragendem, geradem Einriss am oberen Blattrand. Ab Bl. 157 unbedeutende Wurmspuren in der oberen Ecke. Gelegentliche Marginalien bzw. Fingerweiser, wohl von der Hand Hofmüllners. Insgesamt sehr ansprechender Codex in einem schweren, gefärbten Einband mit bis auf die untere Schließe vollständigem Inventar an 10 Deckelbeschlägen.

Zu Hofmüllner vgl. Heimo Cerny, Beiträge zur Geschichte der Wissenschaftspflege in den Stiften Seitenstetten und Ardagger (phil. Diss., Wien 1966). Zu Zwicker vgl. Peter Biller, "The Anti-Waldensian Treatise Cum Dormirent Homines of 1395 and Its Author", in: The Waldenses 1170-1530 (Aldershot 2001), SS. 264-269.

Art.-Nr.: BN#52320 Schlagwörter: ,