Otto Stoessls Exemplar

Kafka, Franz. Betrachtung.

Leipzig, Ernst Rowohlt Verlag, 1913 [recte: 1912].

1 w. Bl., (6), 99, (1) SS. Bedr. rote Originalbroschur. 8vo (150 x 238 mm). In maßgefertigter grauer Pappschatulle.

 35.000,00

Seltener erster Druck der ersten Ausgabe von Kafkas erster Buchveröffentlichung, gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig und bereits am 10. Dezember 1912 erschienen, obwohl am Titelblatt aufs Folgejahr vordatiert.

Eines von insgesamt 800 numerierten Exemplaren, hier am Titel verso handschriftlich in Tinte als Nummer XVII bezeichnet: Damit zählt es zur den nur 30 (oder 35?) römisch numerierten Exemplaren, die auf Kafkas Wunsch an ihm besonders wichtige Leser versandt wurden. Eine vergleichende Untersuchung zu den römisch numerierten Erstdrucken von Kafkas "Betrachtung" steht noch aus; dieses Exemplar stammt aus der Bibliothek des Wiener Literaten Otto Stoessl (1875-1936).

Der Jurist und Beamte Stoessl, Sohn eines Arztes aus Brünner Rabbinerfamilie, verfasste ab 1897 seine ersten literarischen Werke und trat bald in den Kreis um Karl Kraus, in dessen "Fackel" er veröffentlichte. Er begegnete Kafka am 14. X. 1912 in Prag bei einem Besuch bei Max Brod, der Stoessls soeben erschienenen Roman "Morgenrot" schätzte. Das vorliegende Exemplar wird in Kafkas Brief an Stoessl vom 27. I. 1913 erwähnt: "Nehmen Sie bitte mein Buch 'Betrachtung', das Ihnen der Verlag Rowohlt geschickt hat, als ein kleines Zeichen der Liebe, die mich mit Ihren Schriften verbindet, freundlich an. Sie erinnern sich wohl kaum, jemals mit einem Menschen meines Namens beisammen gewesen zu sein. Und doch ist es so. Es war in Prag im Gasthaus 'Zu den 2 Amseln' und mein Freund Max Brod war so gefällig, mich Ihnen vorzustellen. Sie zu sehn und zu hören, war damals eine große Aufmunterung für mich und eine Bemerkung, die Sie damals machten: 'Der Epiker weiß alles' trage ich noch heute mit großem Widerhall in mir herum". Der von Kafka bewunderte Stoessl lobte das Geschenk in einem Gegenbrief, was allerdings Kafka zu Selbstzweifeln veranlasste, wie er seiner Berliner Verlobten Felice Bauer mitteilte: "Er schreibt auch über mein Buch, aber mit so vollständigem Mißverständnis, daß ich einen Augenblick geglaubt habe, mein Buch sei wirklich gut, da es selbst bei einem so einsichtigen und literarisch vielgeprüften Mann wie Stoessl solche Mißverständnisse erzeugen kann, wie man sie nur gegenüber lebenden und deshalb vieldeutigen Menschen möglich sind".

Die gedruckte Widmung "Für M.B." bezeichnet Kafkas Freund und Schriftstellerkollegen Max Brod, der bereits an diesem Frühwerk großen Anteil hatte und Kafka mit Kurt Wolff und Ernst Rowohlt zusammenbrachte, die den noch jungen Rowohlt-Verlag leiteten. Wolff entsprach Kafkas Bitte "um die größte Schrift" und setzte das Buch "in einem ungewöhnlich großen Schriftgrad (Tertia)". Eine erste Satzprobe fand Kafka dann "zweifellos ein wenig übertrieben schön" und fügte hinzu, sie würde "besser für die Gesetzestafeln Moses passen als für meine kleinen Winkelzüge" (Brief an Felice Bauer vom 8. XI. 1912).

Provenienz

Aus der Bibliothek des Wiener Literaten Otto Stoessl (1875-1936). Später in der Sammlung des französischen Chirurgen Thierry Bouchet.

Zustand

Broschur in den Rändern restauriert und teils ergänzt; am Vordergelenk hinterlegt; Autorenname und Titel mit Bleistift nachgezogen (wohl von Stoessls Sohn, dem späteren Altphilologen Franz Stoessl, 1910-88). Innen tadellos erhalten.

Literatur

WG² 1. Raabe-Hannich 146, 1. Dietz 17. Herz/Caputo-Mayr, S. 28.

Art.-Nr.: BN#67655 Schlagwörter: ,