Weitreichende Zukunftsaussichten, mit Holzschnitten Jörg Breus d. Ä.

[Lichtenberger, Johannes]. Dise Practica und Prenostication, ist getruckt worden zu Mentz im M.CCCC.XCII. Jar. Und werdt biß man zelt, M.D.LXVII. Jar. Darinn ain yeder mensch abnemen vnnd erkennen mag, wie die vergangen zeytt, auch yetz die gegenwertig in diser Practica zutrifft, und darneben zubesorgen, wie hierinn künfftigs zukhommen mag, doch Gott ist alle ding müglich.

[Augsburg, Heinrich Steiner], 1534.

(48) Bll. (A-H6). Mit 2 ganzseitigen und 44 halbseitigen Holzschnitten (davon der Titelholzschnitt wiederholt) von Jörg Breu d. Ä. Roter Maroquinband des späten 19. Jhs. auf fünf mit Goldfileten verzierten und von doppelten Goldfileten begleiteten Bünden, mit goldgepr. Titel und Erscheinungsdaten in zwei sowie floralem Einzelstempel in den übrigen Rückenfeldern; auf den Deckeln dreifacher Goldfiletenrahmen mit nach innen gewandten Eckfleurons; mit doppelten Goldfileten auf den Steh-, Dentellebordüre auf den Innenkanten und Ganzgoldschnitt. Folio (188 x 277 mm).

 18.500,00

Sehr seltene Ausgabe der reich bebilderten Prognostik Johannes Lichtenbergers (um 1426-1503), des Hofastrologen Kaiser Friedrichs III. Die vorliegende Ausgabe besticht durch die ausdrucksvollen Holzschnitte von Jörg Breu d. Ä. (um 1475/80-1537), die "zu den besten der mittleren Zeit des Künstlers" gehören und "fast als Neuschöpfungen betrachtet werden" dürfen (Röttinger, S. 51).

Der Titel zeigt das personifizierte Zusammentreffen der Planeten Saturn und Jupiter im Zeichen des Skorpions im November 1484, dazu die Erläuterung: "ein alter gebückter, bartechter, hinkender man[n] [...] ligt auff einem man[n]e der hat einen ochsen bey den hörnern [...] gleych als er ihn erwürgen wolt" (A5v). Lichtenberger sah die Konstellation in Verbindung mit einer bald folgenden Sonnenfinsternis als so gravierend an, dass seine diesbezüglichen Vorhersagen nachhaltiges Aufsehen erregten.

Konkrete Vorbilder für Lichtenbergers "Practica" waren kurz zuvor erschienene Traktate von Eberhard Schleusinger und Paul von Middelburg, der Lichtenberger aus diesem Grund sogar des Plagiats bezichtigte. In seiner Vorrede inszeniert sich der Autor als Interpret der göttlichen Vorsehung und beruft sich auf Philosophen und Heilige (u. a. Aristoteles und die Hl. Birgitta von Schweden), die im entsprechenden Holzschnitt unter dem himmlischen Vater versammelt stehen. Der Prolog endet mit einem "gebett des Maysters diß büchlins" und einem halbseitigen Holzschnitt. Das folgende Sujet bildet die gottgegebene Ordnung der Welt: Über der Szene thront Gott, von Papst und Kaiser flankiert; im Vordergrund bearbeiten zwei Bauern den Acker. Die Dreiteilung des Buch folgt jener der Stände, wobei das Hauptaugenmerk Kaiser und Reich gilt: "A distinguishing feature of Lichtenberger's prognostication is that it is evidently intended for German consumption. Its political predictions are largely for the Holy Roman Empire" (Thorndike 477). Thematisch berührt werden das konkurrierende Frankreich, böhmische Ketzer und die Türkengefahr, im Sinne des Kaisers mit politischen Reformvorschlägen ergänzt. Der von Lichtenberger vorausgesagte "kleine Prophet" und Kirchenreformator wurde im 16. Jahrhundert mit Luther identifiziert (vgl. ebd. 476); Luther selbst gab 1527 eine von ihm bevorwortete deutsche Ausgabe heraus. Die Prophezeiungen bis ins Jahr 1567 sicherten dem Werk zahlreiche Auflagen in lateinischer wie deutscher Sprache: Es enthielt "a little of almost everything, a fact which may account for its popularity. Lichtenberger dips into past as well as future [...]. Present political and religious opinion is also freely expressed [...] He rails against the Jews for not accepting Christianity and seems to criticize the introduction of Roman law into Germany [...] Even alchemy is introduced into the discussion" (ebd. 479).

Durch ihr Bildprogramm machte "die Schrift auch auf jene, welche sie nicht lesen konnten, den entsprechenden Eindruck" (Muther, 105). Inhaltlich geht die Bildfolge auf die "wohl 1525 zum ersten Mal" publizierte zurück, welche wiederum zurückgreift auf die "Illustrationen des am 20. Juli 1492 zu Mainz vollendeten Originals". Lichtenberger selbst hatte Anweisungen zur Illustration gegeben: Ein Bild zeigt ein Kirchen-Schiff in dramatischer Seenot, ein anderes den kaiserlichen "Adler gantz traurig" und "mit wenig federn", immerhin steht ihm "auch ein junger Adler" bei (B6r). Doch schon auf der folgenden Seite "scheucht ein Wolff mit auffgesperrtem rachen den Adler" (B6v).

Diese sehr seltene Ausgabe ist den meisten Bibliographen unbekannt geblieben.

Zustand

Vorsätze am Rand leimschattig, kaum fleckig, anfangs ein, zum Ende hin mehrere Wurmlöcher, Bl. B1 und B6 mit etwas Bild- und Textverlust gut restauriert, einige unscheinbar hinterlegte Randläsuren

Literatur

VD 16, ZV 17889. Durling 2816. H. Röttinger, Zum Holzschnittwerke Jörg Breus d. Ä. In: Repertorium für Kunstwissenschaft 31 (Berlin 1908), S. 48-62. Nicht bei Adams, BM-STC German, Brunet, Ebert, Graesse oder Zinner. Zu Lichtenberger vgl. Thorndike IV, 473-480.