Die wahre Geschichte von Lehárs "Das Land des Lächelns"
Eigenh. Brief mit U. und 2 eh. beschriebene Portraits mit U. des realen Sou-Chong, der Vorlage zur Figur aus dem "Land des Lächelns".
Die beiden passepartourierten Portraits im Format 255:167 bzw 255:170 mm. Der Brief 4 SS. auf Doppelblatt. 8vo. Mit eh. adr. Kuvert.
€ 9.500,00
Lehárs weltberühmte Operette geht im Kern ihrer Handlung auf eine wahre Geschichte aus der Familie ihres Librettisten zurück, nämlich auf die (ihrem genauen Umfang nach nicht bekannte) Liaison von Victor Léons Gattin Ottilie mit einem chinesischen Prinzen namens Sukong. Shen Chen Ling von Sukong, so der volle Name, war als Verbindungsoffizier ("Liaison-Officier") in Wien stationiert gewesen, erfuhr eine weitergehende Ausbildung an der Militärakademie in Wiener Neustadt und verkehrte um 1913/14 im Hause Léon. In einem Schreiben erinnert sich Léon, dass seine Tochter Felicitas ("Lizzi") im Sommer 1915 den Einfall gehabt habe, die Liebesgeschichte einer jungen Engländerin und eines japanischen Gesandtschaftsattachés zu erzählen. Franz Marischka hingegen, Léons Enkel, erinnert sich in "Immer nur lächeln. Geschichten und Anekdoten von Theater und Film", dass seiner Mutter Lizzi eine Wiener Komtess und ein indischer Maharadscha als Protagonisten vorgeschwebt hätten (vgl. Denscher, S. 409f.). Dass aus alldem nun ein chinesischer Prinz wurde, sei Sukong zu verdanken, durch den Léon vieles über Sitten, Gebräuche und Zeremonien in China erfahren hatte. 1917 sei das Textbuch fertig gewesen, das von Oskar Nedbal hätte vertont werden sollen, doch da dieser noch anderen Verpflichtungen nachzukommen hatte, sei es ein Glücksfall gewesen, dass Lehár der Stoff interessierte und er sich sogleich an die Arbeit machte. Am 9. Februar 1923 war dann "Die gelbe Jacke" im Theater an der Wien mit Léons Schwiegersohn Hubert Marischka als Sou Chong Chwang uraufgeführt worden, hielt sich aber nicht lange am Spielplan und erfuhr einige Jahre später eine umfangreiche Überarbeitung nicht nur durch Lehár selbst, sondern auch durch die Librettisten Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda. Als Romantische Operette wurde "Das Land des Lächelns" dann am 10. Oktober 1929 im Berliner Metropol-Theater uraufgeführt. Mit ihr war Lehár am Zenit seines Schaffens angekommen, und Richard Tauber - der bei der UA in der Partie des Prinzen brillierte - wurde zum Weltstar.
Als Zeugnisse der realen Geschichte, die auch nicht glücklich ausging, sind hier drei eigenhändige Liebesbriefe des Prinzen, der fließend Deutsch sprach, an Ottilie ("Otta") Léon erhalten, zwei davon auf Portraits aus dem Atelier Max Jägers in Krems an der Donau, einer auf Briefpapier der "SS Manchuria":
1) Hochovales Portrait (Heliogravüre, Brustbild nach links) des Prinzen in Uniform (126:90 mm), datiert Krems a. D., 1. V. 1914, Blattgröße 255:167 mm, mit Unterschrift "Sukong, Leutnant d. Republik China zugeteilt d. K. u. K. Inf. Regmt. Nr. 84 Freiherr von Bolfras". Der Text komplett bei Marischka abgedruckt.
2) Rechteckiges Portrait (Heliogravüre, Ganzfigur stehend, nach links) des Prinzen in Uniform (145:84 mm), datiert Krems a. D., 1914, Blattgröße 255:170 mm, mit Unterschrift "Sukong" und vier Zeilen Text: "Die Hoffnung auf Genuss ist fast so süss, als schon die erfüllte Hoffnung, zur innigsten Erinnerung an die goldne Zeit an meine geliebte Otta". Wohl zum Abschied im Spätsommer 1914 geschrieben. Unpubliziert.
3) Eigenh. Brief mit U. ("ShenChenLing"). 4 SS. auf Doppelblatt. 8vo. Mit eh. adr. Kuvert. Unpubliziert.
Dieser letzte und inhaltlich aufschlussreichste Brief wurde während der Schiffsreise mit der "SS Manchuria" auf Papier der Pacific Mail Steamship Company abgefasst. Er ist nicht datiert, dürfte aber von Anfang 1915 stammen, da Shen schreibt, er habe Weihnachten und Neujahr auf dem Schiff verbracht. Das Schiff wurde von der Pacific Mail Steamship Company im Herbst 1915 an die International Mercantile Marine Company verkauft. Die Absenderadresse lautet: "From Mr. Shen Chen Ling Shanghai, China, 17 Haskell Road" (wohl eine Militärunterkunft während eines kurzzeitigen Landaufenthalts). Wie Shen schreibt, komme er nun mit jedem Tag seinen Eltern näher, die er sieben Jahre nicht gesehen hätte. Damit lässt sich sein Europa-Aufenthalt ungefähr umreißen: Er muss China etwa im Jahr 1907 verlassen haben und wurde um 1910 an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt aufgenommen, die er, sicherlich nach den üblichen drei Jahren Ausbildungszeit, im Oktober 1913 beendete. Daraufhin wurde er Leutnant im Infanterie-Regiment 84 "Freiherr von Bolfras" in Krems, wo etwa drei Prozent Ausländer Dienst taten. Diesen Dienst wird er mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Spätsommer 1914 (unfreiwillig) quittiert haben. Dann begab er sich auf die Heimreise, die nach Westen durch Italien, Amerika und Japan führte. Er habe Ottilie immer Ansichtskarten geschickt: Nun habe er bereits "vierzig Tage Eisenbahn- und Schifffahrt" hinter sich. Ottilie könne sich "ungefähr denken wie entsetzlich [dies] für einen [ist], der bereits ein completter Wiener [!] ist". Sein letzter Wunsch ist bezeichnend: "Wenn Sie mir viel[e] schöne Romane und moderne Operetten samt Text nach China schicken, werde [ich] Ihnen sehr sehr dankbar sein".
Aus dem Nachlaß von Franz Marischka.
Barbara Denscher, Der Operettenlibrettist Victor Léon: Eine Werkbiografie (Bielefeld, transcript Verlag, 2017).











