Einst in der Sammlung Stefan Zweig
"Fantaisie de Concert pour Piano, avec accompagnement d‘Orchestre par P. Tschaikowsky. Partition" [Konzertfantasie für Klavier und Orchester op. 56, CS 56].
Teilpartitur. Manuskript von Schreiberhand mit eigenh. Ergänzungen und Korrekturen. 20 SS. (ohne Ende und Solopart). Eine Lage von 5 ineinander gelegten Bögen zu 4 Seiten, Notenpapier von Breitkopf & Härtel, Leipzig (22 Notensysteme). Moderner Halblederband (1968) mit Titelvergoldung und Eignervermerk. 4to.
€ 75.000,00
Schöne Handschrift der Konzertfantasie für Klavier und Orchester op. 56, einst in der Sammlung Stefan Zweigs: eine noch zur Zeit der Werkentstehung angefertigte Abschrift von Schreiberhand mit mehreren eigenhändigen Zusätzen Tschaikowskis. Die Handschrift galt bisher praktisch unwidersprochen als Originalmanuskript aus der Hand des Komponisten; ein neues Gutachten des Kölner Musikwissenschaftlers Thomas Kohlhase (beiliegend) belegt jedoch ihre komplexere Genese.
Tschaikowski nahm mit eigener Feder mehrere Korrekturen vor; die erste findet sich auf S. 11/12: "vier Takte = Takt 36-39 des I. Satzes, das sind die drei Takte der Seite 11 und der erste Takt der Seite 12. Violine I" (Kohlhase, S. 8). Eine weitere Korrektur "befindet sich in den vier Takten der letzten Notenseite (S. 20) der fragmentarischen Partiturabschrift, und zwar in der Akkolade zu zwei Systemen der Hornstimmen I/II und III/IV = Takt 59-62 des I. Satzes" (ebd.). Darüber hinaus finden sich eigenhändige Zusätze: "In der Generalvorzeichnung auf der ersten Notenseite (S. II) mit den nützlicherweise ergänzten (abgekürzten und teilweise unterstrichenen) fünfzehn Instrumentenangaben mit ihren auffälligen, schräg aufwärts verlaufenden Graphien kann man dagegen zu Recht Tschaikowskys Hand vermuten, ebenso wie in den Angaben vor der ersten Korrekturstelle (Seite 12): Viol. I und II. Gleiches gilt auf der letzten Notenseite (Seite 20) für die Ergänzung des groß geschriebenen und doppelt unterstrichenen Hinweises 'Corni' (Hörner), wie auf Seite (II) 'schräg' aufsteigend" (S. 7).
Kohlhase zieht das Fazit: "Zwar bleiben manche Fragen offen, was die Unvollständigkeit des vorliegenden Teilmanuskripts und seine praktische Bestimmung betrifft. Doch macht der [...] Befund der vorliegenden Begutachtung hinlänglich deutlich und sehr wahrscheinlich, dass dieses gut erhaltene Manuskript, auch wenn es sich größtenteils um eine Abschrift von fremder Hand handelt, in Tschaikowskys Umgebung entstanden und von ihm selbst durchgesehen worden ist - und dass sich in ihm einzelne autographe Anteile nachweisen lassen. Außerdem bietet sich aufgrund verschiedener Umstände während Tschaikowskys erster Auslandstournee 1887/88 die Vermutung an, dass die Handschrift entweder im Frühjahr 1888 in Paris entstanden sein könnte - oder aber etwas früher, nämlich Ende 1887 / Anfang 1888 in Leipzig [...] So bleibt die Handschrift, obwohl sie nur einen kleinen Teil des Werkes enthält und man sie nicht weiter pauschal als 'Eigenschrift' bezeichnen kann, ein wertvolles und beachtenswertes Dokument neben den vollständigen 'Originalquellen' der Klavierfantasie op. 56, sowohl für den Sammler alter, schöner und interessanter Musikhandschriften als auch für den Musikhistoriker, der sein Augenmerk auf überlieferungs- und rezeptionsgeschichtliche sowie auf philologische und speziell editorische Aspekte richtet" (S. 9).
1) Bis 1938 in der Slg. Stefan Zweig, dann versteigert durch Antiquariat Heinrich Hinterberger, Wien. 2) Slg. Louis Koch, Frankfurt a. M. 3) 1968 Slg. Dr. Friedrich Frauenberger, München. 4) Zisska & Kistner, Auktion 35 (2000), Nr. 419. 5) Zuletzt in deutschem Privatbesitz.
Leicht gebräunt und stellenweise etwas fleckig. Alte ms. Beschreibung der Handschrift auf Vortitelblatt. Handschrift nicht vollständig (Ende und Solopart fehlen). Das Gutachten von Prof. Dr. Thomas Kohlhase (Köln, 07. X. 2022) liegt bei.
Hinterberger, Kat. IX, S. 78, Nr. 296. Matuschek, S. 390, Nr. 954. Georg Kinsky, Manuskripte - Briefe - Dokumente von Scarlatti bis Strawinsky. Kat. der Musikautographen-Slg. Louis Koch (Stuttgart, 1953), S. 300 f.

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