Brief von Schreiberhand (F. W. Riemer) mit eigenh. Ort, Datum und U. ("Goethe").
4 SS. auf Doppelblatt. 4to (220 x 185 mm).
€ 18.000,00
Ausführlicher und bedeutender Brief an den Kunsthistoriker und Archäologen Aloys Ludwig Hirt über dessen jüngst erschienenes Werk "Die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten" und zwei kleinere Abhandlungen, die Goethes "oft gewaltsam wiederkehrende Sehnsucht" stillten, sich "nur einigermaßen zum geistigen Anschauen jener großen Monumente des Alterthums zu erheben". "Es geht mir oft so, daß ich meinen Briefen und Antworten einigen Gehalt geben und für ein bedeutendes Mitgetheilte nicht blos einen allgemeinen Dank erwiedern möchte. Darüber vergeht die Zeit und ich bleibe mit dem besten Willen gegen auswärtige Freunde und Wohlwollende im Rückstande [...] Die beyden kleineren Schriften ["Der Tempel der Diana zu Ephesus" und "Der Tempel Salomon's"] waren mir nicht weniger willkommen, ja sie stillten mir eine frühere und oft gewaltsam wiederkehrende Sehnsucht, mich nur einigermaßen zum geistigen Anschauen jener großen Monumente des Alterthums zu erheben, die uns der Lauf der Zeiten misgönnt hat. Ihre Art das von Schriftstellern uns gewiß Überlieferte erst zum Grunde zu legen, dann einer durch andre bekannte Data belebten Analogie Platz zu geben, und die letzten Lücken mit noch gegenwärtigen und dorthin verwandten Beyspielen auszufüllen, ist so gewissenhaft als geistreich, sie überzeugt und überredet […]". Einen großen Fortschritt erblickt Goethe hier seit den Studien des Altertumsforschers Caylus: "Haben Sie, mein Werthester, nicht auch etwas für das Carische Mausoleum gethan? Für den beweglichen Tempel, in welchem Alexanders Leiche nach Ägypten gebracht worden, für den Rogus des Hephästion, wobey ich zugleich eine plausiblere Hypothese wünschte, warum Alexander, um zu dieser Bestattung Platz zu gewinnen, einen Theil der Mauern von Babylon abtragen [hat] lassen? Willkühr und Grille ist es gewiß nicht gewesen […] Wie die Griechen nicht gerade einen Stolz darein setzten alles von Grund aus zu bauen, sondern gar gern Berge, Hügel und Gründe benutzten, um dem durch die Natur halbvorbereiteten eine architectonische Form zu ihren Zwecken zu geben; wie uns die Theater von Syrakus und Tauromina belehren: sollte man hier nicht auch, um etwas Ungeheures mit Bequemlichkeit und Leichtigkeit zu erlangen, die Mauerberge einer überwundenen Stadt, als Stoff zu einem solchen Wundergebäude benutzt haben, das ein ganzes Volk und eine ganze Armee fassen sollte? […]".
Für den Maler Friedrich Bury übersendet Goethe ein Gedicht und bestellt Grüße. Weiters ersucht er um eine Abbildung der "perspectivischen Herstellung des Tempels zu Ephesus": "Wird es Ihnen möglich sich vom Platze zu bewegen, so richten Sie Ihren Weg gerade auf uns zu, doch nicht unangemeldet, damit wir nicht etwa entfernt oder so versagt und verwickelt sind, um den Freund nicht gehörig empfangen zu können. Gegenwärtig bin ich in Jena. Ueber meine Badereise konnte ich noch nichts beschließen […]".
Goethe hatte Hirt, der 1782-96 als Privatgelehrter und Fremdenführer in Rom lebte, während seiner Italienreise kennengelernt. Trotz gewisser Meinungsverschiedenheiten über künstlerische Wertmaßstäbe blieb er ihm bis ins Alter in freundschaftlichem Briefwechsel verbunden.
Meyer und Ernst, Katalog 31, (Berlin 1933), Nr. 134.
Leicht gebräunt.
WA-Nr. 05744 (nur Riemers Konzept). Kritische u. kommentierte Edition des Briefwechsels von A. Hirt; online unter aloys-hirt.bbaw.de (korrigiertes Konzept).







