Nürnberger Reformations-Sammelhandschrift mit hochoriginellem Buchschmuck
Fränkische Sammelhandschrift von Reformationspredigten, originell mit mittelalterlichen Fragmenten dekoriert.
Deutsche Handschrift auf Papier (Wasserzeichen: Briquet 916, Nürnberg 1541). Teil 1: (1), 65 Bll. (Zählung mit Buchstaben); Teil 2: 282 gez. Bll. (das letzte w.); die Bll. m, 1, 139 und 223 ausgeschnitten (Text- und Bildverlust). Zus. 344 Bll., deutsche Bastarda bzw. Kursive in brauner Tinte von verschiedenen Händen, 21-29 Zeilen per extensum, Titel und Bibelstellen in Rot, rote Strichelungen, teils kalligraphisch aufwändiger ausgeführt. Zwei- bis dreizeilige Lombarden alternierend in Rot und Blau, selten in blassem Blaugrau, mit Begleitlinien und Punktverdickungen. Zu Beginn jeder Predigt bronzefarbene Griffregister. Einmontierter Buchschmuck aus höchst qualitätvollen Initialen- und Bordürenfragmenten, entnommen aus Pergamenthandschriften des 12. bis 15. Jhs. und originell arrangiert zu einem aufwändigen Dekorationskonzept. Originaler blindgepr. Schweinslederband über Holzdeckeln mit Einzel- und Rollenstempeln (Kreuzigung und Auferstehung bzw. Köpferolle), teils über EBDB und Haebler nach Nürnberg bzw. Süddeutschland lokalisierbar. Reste von zwei gravierten Messingschließen. 4to (166 x 226 mm).
Umfangreiche, hochoriginell ausgestattete deutsche Renaissancehandschrift von hauptsächlich zwei verschiedenen Händen, die insgesamt 52 Texte - überwiegend Reformpredigten - versammelt. Zum aufwendigen Schmuck wurde eine große Zahl sorgfältig ausgeschnittener Fragmente aus mittelalterlichen Pergamenthandschriften collageartig arrangiert: Sie wurden z. B. als Frontispiz eingefügt, aber auch in die ausgesparten Freiräume bei Textanfängen (Initialen), oder für Zeilenschlussleisten bzw. zur Markierung neuer Textabschnitte und zur Überklebung radierter Textstellen verwendet, wobei oft Fragmente unterschiedlicher Herkunft zusammenmontiert wurden. Die Fragmente wurden (vermutlich vom Rubrikator) mit fleuronnéeartigem Dekor umrandet, mitunter, etwa bei den Bordüren, auch ergänzt. Sie gehen zurück auf mindestens fünf verschiedene Handschriftenquellen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, überwiegend aus Frankreich und England: So sind die qualitätvollen, zahlreich verwendeten Ausschnitte aus Deckfarbeninitialen, Bordüren und Fleuronnéeinitialen mit Sicherheit im 2. Viertel des 15. Jahrhunderts in England entstanden.
Als Entstehungsort der Handschrift ist aufgrund des Kontextes, des Einbands, der Provenienz und der Wasserzeichen Nürnberg zu vermuten. Das Kolophon nennt als Schreiber einen Johannes Krebs (das ursprüngliche Datum 1554 dürfte nach 1833 in "1454" verändert worden sein, wohl um eine Verbindung zum Mitte des 15. Jahrhunderts in Nürnberg belegten Franziskaner zu suggerieren, von dem mehrere Handschriften überliefert sind). Die Predigten (u. a. zur Auferstehung, zum Vaterunser, Christi Himmelfahrt, Ostern, den Sakramenten usw.) sind ohne weitere Informationen zu Autor oder Datum überliefert; die zu vermutenden Angaben auf ehemals vorgeschalteten Titeln wurden entfernt. Identifiziert wurden 11 Predigten von Andreas Osiander d. Ä. (1496-1552), dem bedeutendsten reformatorischen Prediger Nürnbergs; bei zwei weiteren Texten wird Martin Luther als Autor zitiert.
Schrift und Ausstattung stellen den Codex in eine Reihe mit anspruchsvollen, zum Teil (wie hier) auch posthum herausgegebenen Predigtnachschriften (bei den Osiander-Texten hier nach Druckvorlagen). Ob Osianders Mentor, der Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568), "dem alle Ausfertigungen von Osianders Predigten zugeeignet wurden" (Gesamtausgabe der Schriften Osianders X, S. 377), auch als Auftraggeber dieser Handschrift anzusehen ist, kann nur vermutet werden.
1. Vermutlich 1554 in Nürnberg geschrieben.
2. Am vorderen Innendeckel das 1762 datierte gest. Exlibris des Ferdinand Josef Graf Arzt von und zu Vasseg (Wasegg bzw. Arzio-Vasegg, gest. 1812), 1762-84 Propst in Kraig (Kärnten), danach Propst des Domkapitels von Leoben in Göß.
3. Im Jahr 1833 im Antiquariat J. M. Thoma, Nürnberg, zum Verkauf angeboten (siehe Thomas Druck der Predigt zum 91. Psalm auf der Grundlage der vorliegenden Handschrift, hier fol. 162v-180r).
4. Am Vorsatz hs. Eintrag "der Gesellschaft für teutsche Altertumskunde von dem Mitglied F. L. Pocci. / Nürnberg im Februar 1833". Franz Ludwig Pocci (1807-76) war Gründungsmitglied der genannten Gesellschaft.
5. Später im Besitz des Münchner Malers Theodor Pixis (1831-1907) mit seinem roten bzw. blindgepr. Stempel "Th. Pixis" am Vorsatz.
Im zeitgenössischen, ersten Einband, Schließenspangen fehlen, sonst wohlerhalten und kaum berieben. 4 Bll. entfernt (darunter 2, die vermutlich aufwendigeren Buchschmuck enthielten). Die eingeklebten Initialen und Bordüren vielfach grob entfernt, das Trägerpapier dabei teils beschädigt; vereinzelt ist der Abklatsch der Rückseiten der entfernten Initialen und Bordüren erhalten geblieben, die die zeitliche Einordnung der Bildquellen auch paläograph belegen (z. B. fol. nr und 63v). Anstelle der ausgerissenen Initialen wurden später (im 18. Jh.?) die entsprechenden Initialbuchstaben nachgetragen.
Johann Michael Thoma, Predigt über Psalm 91, welche um das Jahr 1529 bei damals herrschender Pest gehalten wurde (Nürnberg, 1833): "Das Manuscript [...] enthält 51 ausgezeichnete Predigten verschiedenen Inhalts, die zu Anfang der Reformation gehalten wurden. Es ist dasselbe sehr schön geschrieben mit Gold verzierten Anfangsbuchstaben, deren jedoch mehrere fehlen, und dadurch manche Rückseite letiert worden ist, und bei mir zu kaufen [...] gebunden in Schwein Leder".























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