"Nun also trinken Sie weiter Ihr Wasser (d. h. Karlsbader!) ich gehe zum Chianti"

Brahms, Johannes, Komponist (1833-1897). Eigenh. Brief mit U. ("J. Br.").

Mürzzuschlag [Austria], 16. VI. 1885.

4 SS. auf Doppelblatt. 8vo. Beiliegend ein eh. Brief mit U. von Eduard Hanslick an Fritz Simrock. (1 S. 8vo).

 16,500.00

Inhaltsreicher Brief an seinen nicht namentlich genannten Verleger Fritz Simrock ("L. S."), der zusammen mit seinem Mitstreiter Robert Keller ein neues Verzeichnis von Brahms' Werken erstellen wollte und dabei auch Schützenhilfe von Eduard Hanslick erhalten hatte. Wenn Simrock schon etwas für ihn tun wolle, so wären nach Brahms' Ansicht Inserate in den von Barthold Senff herausgegebenen "Signalen" oder in Fritzschens "Musikalischem Wochenblatt" um vieles geeigneter. Was die Debatte zusätzlich anheizt, ist die geplante Anführung von Daten: "Also: ich finde die ganze Geschichte zwar unsinnig u. überflüssig, kann aber doch umso weniger dagegen sagen, als es ja schon 2 Kat. giebt. Gescheiter fände ich es schon, wenn Sie sich begnügten ein Verzeichniß der empfehlenswerthen Werke zu veröffentlichen! Das wäre so eine kleine, hübsche, billige Annonce für Senff u. Fritzsch! Niedlich wäre auch eine Anthologie von Gedichten u. Dichtern nach meiner Auswahl! Nun aber, damit ich auch was Positives sage: ich bin durchaus gegen die historischen Daten, die Sie u. Hr. Keller beabsichtigen. Ich finde sie nicht blos unnöthig sondern auch ungehörig. Es sieht schändlich eitel meinerseits aus u. daß ich nicht dazu mithelfe - u. dies nicht einmal ordentlich kann, glaubt doch Niemand. Also die lassen Sie ja weg. Und dann widersteht mir sehr der Gedanke daß der Katalog mit op. 100 erscheinen soll. Das sieht aus wie ein Jubiläum u. Sie werden auch noch zur Einsicht kommen daß dazu kein Anlaß vorhanden. Also lassen Sie ihn früher erscheinen, bei den nächsten 1, 2 opera die ich vielleicht noch in alten Schubladen finde. Denn daß ich wohlsituirter Mann noch arbeite, glauben Sie doch nicht? Vielleicht zeigen Sie Freund Hanslick diesen Zettel u. lassen sich von ihm sagen daß ich Recht habe".

Den Inhalt "dieses Zettels" missversteht Brahms allerdings und möglicherweise absichtlich, denn Hanslick schreibt unter dem 20. Juni d. J. ausdrücklich: "Ich gestehe, daß ich das Fehlen von Jahreszahlen im Schumann- u. Mendelssohn-Catalog schwer vermisse und Simrocks Idee für eine notwendige, von jedem Musiker ersehnte Reform in den themat[ischen] Catalogen halte […]" (vgl. die Beilage).

Beide Briefe mit unbedeutenden Faltspuren durch zeitgenöss. Kuvertierung, sonst tadellos.

Gedruckt in: Deutsche Brahms-Gesellschaft (Hrsg.), Brahms' Briefe an Peter Joseph Simrock und Fritz Simrock, Bd. III (GA Bd. XI), Berlin, 1919, S. 98 ff., Nr. 528.

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