"die 10.000.000 Quälereyen des künstlerischen Trainwesens“

Weber, Carl Maria von, Komponist (1786-1826). Eigenh. Brief mit U. ("C. M. von Weber").

Dresden, 9. XI. 1820.

2 SS. auf Doppelblatt. 4to.

 6,500.00

Nach seiner Konzertreise nach Hamburg und Kopenhagen an Karl Graf von Brühl, den Generalintendanten der Königlichen Schauspiele in Berlin, über die geplante Uraufführung seiner Oper "Der Freischütz". Aufgrund von Verzögerungen bei der Fertigstellung des neuen Schauspielhauses musste die Uraufführung, die das Haus einweihen sollte, mehrmals verschoben werden: "Glüklich von meiner Reise nach Hamburg und Koppenhagen zurükgekehrt, ist es natürlich meine erste Sorge mich um das endliche Erscheinen des armen Freyschützen zu bekümmern. Der Gerüchte über die Eröffnung des neuen Hauses sind gar mancherlei, u. viele wirklich von fast schrekhafter Gattung für mich. Ich kann mir denken daß Ew. Hochgeboren seit Jahr u. Tag so oft mit ähnlichen Anfragen gepeinigt worden sind, daß es mir ordentlich sauer wird mit unter die Zahl der lästigen Frager mich stellen zu müssen. Gerne hätte ich meine Rükreise über Berlin gemacht, aber meine Urlaubszeit war so geschmolzen, daß ich Noth genug hatte zu rechter Zeit wieder zu Hause einzutreffen. Meine Reise war in jeder Hinsicht für mich ungemein erfreulich, und ich habe Kraft u. Lust zu neuen Arbeiten erworben, da ich die Theilnahme sehe die meinen Versuchen über alle meine Erwartung zu Theil wird. Die Opern fand ich überall sehr mittelmäßig, und der Mangel an ausgezeichneten Talenten ist wirklich drückend. An Graf Vizthum habe ich einen höchst rechtlichen Chef und wahrhaft theilnehmenden Freund verlohren. Von H[errn] v[on] Könneritz sagt man alles Gute, und die wenigen Gespräche die ich mit ihm gehabt, zeugen von regem Eifer für die Sache. Aber, wo ist der, der nicht endlich bekennen muß, daß die 10.000.000 Quälereyen des künstlerischen Trainwesens ihn endlich von Glut, wenigstens zur Lauheit herabbringen? Wie sehr bedaure ich den trefflichen Wolf hier verfehlt zu haben. Ist über die Darstellung der Preziosa schon etwas näheres bestimmt?".

Der Intendant und Diplomat Hans Heinrich von Könneritz hatte nach Abgang des Grafen Vitzthum von Eckstädt die Generaldirektion der Königlichen Kapelle und des Hoftheaters in Dresden übernommen. Weber hatte für die zweite Fassung des Dramas "Preciosa" von Pius Alexander Wolff seine umfangreichste Bühnenmusik geschrieben. Die Erstaufführung fand am 14. März 1821 in Berlin statt, die Uraufführung des "Freischütz" folgte am 18. Juni.

Mit kleinen Spuren alter Heftung, einer Unterstreichung in roter Tinte, stellenweise kleinen Abklatschspuren und einem zeitgenöss. Empfängervermerk.

Mit kleinen Abweichungen veröffentlicht in: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition, A041656 (Version 4.3.0 vom 1. Februar 2021).

Stock Code: BN#54775 Tag: