"wenn Dr. Goebbels Stand hält (...) 'laut Führerprinzip'": Richard Strauss und die Gründung der STAGMA

Strauss, Richard, Komponist (1864-1949). Eigenh. Brief mit U.

Wohl Bad Wiessee am Tegernsee, 19. IX. 1933.

2 SS. 4to.

 6,500.00

Inhaltsreicher Brief an einen in die Vorgänge rund um die Gründung der STAGMA (Staatlich genehmigte Gesellschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte) eingeweihten Freund, wohl den Musikkritiker, Komponisten und Gesangspädagogen Hugo Rasch, dem Strauss seine Vorschläge zur Zusammensetzung des Vorstands unterbreitet: "Inhalt beiliegenden nicht abgesandten Briefes können Sie vielleicht vertraulich für Herrn Dr. Schmidt[-]Leonhar[d]t benützen, damit er in meinem Sinne den Herrn Minister schon präparieren kann. Wenn ich recht überlege, ist die voreilige Gründung für uns ein Glück u. wenn Dr. Goebbels Stand hält u. mir alle Vollmachten 'laut Führerprinzip' bestätigt, bestimme ich (nachdem die letzte Gemageneralversammlung liquidiert hat) nun Vorstand u. Statuten der Stagma selbstherrlich. Ich habe Kopsch [d. i. der Komponist, Dirigent und SA-Sturmführer Julius Kopsch, 1887-1970, ein enger Mitarbeiter von Strauss] telegrafisch nach Berlin beordert u. mir seine neuen fertigen Statuten nach hieher erbeten, damit ich Samstag ganz im Bilde bin. Bitte versichern Sie sich noch des Herrn Havemann [d. i. der Violinist Gustav Havemann, 1933-35 Leiter der "Reichsmusikerschaft" in der Reichsmusikkammer], damit uns nicht von der Partei (etwa Herr Hinkel [d. i. Staatskommissar und "Reichskulturwalter" Hans Hinkel] oder sonst wer) in den Rücken fällt u. dann will ich versuchen, Herrn Keudell [d. i. Otto von Keudell, Leiter des Referats "Musik und Kunst" im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda] ganz auszuschalten, den Vorstand u. die Geschäftsführung der Stagma neu zu ernennen. Vorher waren es doch drei bei der Gema: Ritter, Schmeling, Lehar? Kann man in die Stagma nicht 2 coordinierte Geschäftsführer: Kopsch - Stagma / Ritter - Gema [...] hineinnehmen? u. den ganz unnötigen Präsidenten Gräner mit dem hohen Gehalt einfach ausschiffen? [...]".

Es folgen Strauss' Vorschläge für die Besetzung des Vorstands: "Alles Andere ist sinnlos. Wenn die Sache glückt, so hätten sich die Herrn Ritter u. Genossen diesmal in der eigenen Falle gefangen! Also Sonnabend ½10 Adlon Sie u. Kopsch bei mir: Statuten fertig stellen! Nachher vielleicht Havemann, dann zum Minister! Keudell u. Ritter mit dem fait accompli des Ministerbeschlusses überraschen! [...]".

"Der Liedkomponist, Musikkritiker und Gesangslehrer Rasch war 1908 der Genossenschaft beigetreten und dadurch in Kontakt mit Strauss gekommen, der ihn 1929 in den Genossenschaft Deutscher Tonsetzer-Vorstand holte. 1931 wurde Rasch NSDAP-Mitglied, ein Jahr später SA-Führer und 1933 Musikkritiker des Völkischen Beobachters. [Dem Komponisten und STAGMA-Direktor Max] Butting zufolge war er unter den deutschen Komponisten einer der wenigen überzeugten Nazis. Diesen ihm treu ergebenen, meist in SA-Uniform auftretenden Mann, der sich auch für Mussolini begeisterte, erwählte sich Strauss zum Vasallen, zum Kampfgefährten bei seiner persönlichen 'Machtergreifung' im NS-Staat" (Dümling, S. 76). Strauss selbst hielt es nicht für angebracht, dass er als Präsident des Berufsstandes der schaffenden Musiker auch dem Vorstand der Stagma angehöre, und schlug daher Hugo Rasch vor. "Anstelle eines Stagma-Vorstandsamts übernahm Strauss den ihm ebenfalls angetragenen Vorsitz einer Arbeitsgemeinschaft aus den drei Standesorganisationen der Komponisten, Textdichter und Musikverleger" (Dümling, S. 85). Zudem stand der Komponist von November 1933 bis Anfang Juli 1935 als Präsident an der Spitze der Reichsmusikkammer.

Auf Briefpapier mit gedr. Briefkopf des Kurheims Rex in Bad Wiessee; im linken Rand gelocht (keine Textberührung).

Albrecht Dümling, "'... dass die Statuten der Stagma dringend zeitgemässer Revision bedürfen'. Richard Strauss und das musikalische Urheberrecht 1933/1934", in: S. Bolz, A. Kech & H. Schick (Hrsg.), Richard Strauss. Der Komponist und sein Werk. Überlieferung, Interpretation, Rezeption (München, Allitera Verlag, 2017), SS. 73-108.

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