[Kalobiotik]. Puteani, Wilhelm Frh. von (Pseud. Wilhelm Bronn), Beamter und Schriftsteller (1799-1872). 40 eigenh. Briefe, davon 37 mit U.

Wien, Prag, Wiklantitz u. a. O., 1840 bis nach 1852.

Zusammen ca. 96 SS. auf 22 Doppelbll. und 20 Einzelbll. Verschiedene Formate, zumeist (Qu.-)8vo und (Gr.-)4to. 16 Schreiben mit eh. Adresse verso.

 6,500.00

Umfangreiches, unveröffentlichtes Korrespondenzcorpus zur sogenannten Kalobiotik, geschrieben vom Begründer der Lehre an seinen Freund, den Prager Bibliothekar, Dichter und Redakteur Rudolf Glaser (1801-68).

Auf Puteanis Anregung brachte Glaser zu seiner Zeitschrift "Ost und West" zwischen 1845 und 1848 eine 14-tägige Beilage "Blätter für Kalobiotik" heraus, die sich Puteanis heute weithin vergessener, doch zu ihrer Zeit breite Wirkung entfaltender "Schönlebekunst" widmete. Die Briefe bieten Einblicke in die redaktionellen Abläufe des kalobiotischen Periodikums, in die Organisation des Drucks, zu den Autoren (Remisch, Badenfeld, Bolzano, Dermitzer u. a.) und ihren Beiträgen, zu Werbung und Vertrieb, zum Umgang mit der Zensur, zur Konkurrenz sowie zur Finanzierung. Privat stehen Puteanis Freundschaft mit Glaser, Streitigkeiten unter Kollegen, sein "literar. Schützling Adelaide" (1850/52) sowie seine Odyssee zu verschiedenen Ärzten, um Gründe für sein Leiden zu finden, im Vordergrund. Doch selbst in diesen Teilen der Korrespondenz bildet Puteanis Lebensphilosophie den Grundton: Etwa bei der Übersendung des Bildes "Madonna della Sedia" als Geschenk zum Hochzeitstag des Ehepaars Glaser bemerkt der Autor, es könne "an der, ein kalobiotisches Auge noch etwas beleidigenden, kahlen Wand daselbst aufgehängt werde, wo es Ihrer Frau Gemahlin passend scheinen sollte, welche ja ohnedies eine geborene Hohepriesterin der Kalobiotik ist [...]" (24. XII. 1845). Als Mitstreiter wähnt Puteani den Autor Eduard von Badenfeld "bereits auf seinem kalob. Feldzuge in der Schweitz" (7. VII. 1847).

In die Redaktion des Blatts griff Puteani persönlich ein: so kritisiert er, "daß nämlich die [...] ungemein hübschen Gedichte der liebenswürdigen Beherrscherin von 'Ost und West' mir für die kalob. Blätter nicht genug direkt berechnet scheinen [...]" (28. IX. 1847). In zahlreichen Kommentaren spart er nicht mit Kritik an Glasers redaktioneller Arbeit, so hinsichtlich der Zensur (4. X. 1847): "Wären Ihnen darin wieder einige Nummern zu anstößig, u. sollten Sie drüber vor Angst wieder in Ihre neuen schwarzen Pantalons machen; so müßten Sie die Güte haben die Lücken selbst auszufüllen [...]", oder mit der Bitte um schnelle Korrektur der letzten Ausgabe: "Kalobiotik ist ohnehin schon an sich ein wenig beliebter Gegenstand, weil er auch der bisherigen 'Commißsinnlichkeit' nicht fröhnt, geschweige also erst, wenn er in Blättern voll Druckfehlern zur Sprache kommt [...]" (4. X. 1847).

Im Revolutionsjahr sind die Briefe zunehmend von den politischen Ereignissen geprägt, und "[m]an hat itzt fürwahr nicht Lust zum Kalobiotisieren [...]" (29. V. 1848). Doch gerade jetzt müsse die Kalobiotik regulierend auf die Gesellschaft einwirken: "So erst war dergleichen, gewissermaßen 'kalob. Bedürfniß' um Bewegung in die zu große Ruhe zu bringen, jetzt ist es dagegen wieder, wenigsten bei mir, kalob. Bedürfniß Ruhe in die zu große Bewegung u. Aufregung der Gemüther zu bringen! [...]" (26. XI 1848).

Der k. k. Beamte Puteani war unter dem Pseudonym Wilhelm Bronn Begründer der utopischen Lehre der Kalobiotik. In seiner 1835 bei Gerold erschienenen Schrift "Für Kalobiotik, Kunst, das Leben zu verschönern, als neu ausgestecktes Feld menschlichen Strebens" stellte er erstmals seine Methode vor, "das eigene Leben auf der Grundlage des Schönheitsgesetzes zu ordnen" (Svobodová/Kopriva). Den Grundgedanken seiner Theorie bildete der harmonische Ausgleich von Phantasie, Gefühl und Verstand. Die Philosophie eines "gelungene[n] Leben[s] durch gezielte rationale Selbststeuerung und Affektkontrolle" scheint Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem im Beamten- und Offiziersstand, nämlich "den staatstragenden Schichten der Habsburgermonarchie", denen ihr Amt die Ausübung eines vernunftgeleiteten Ermessens gerade versagte, zahlreiche Anhänger gehabt zu haben (vgl. P. Stachel, Forschungsprojekt Kalobiotik, ÖAW, online).

Der vermutlich auf dem väterlichen Gut Wiklantitz/Vyklantice geborene Puteani war über seine Familie gut bekannt mit dem Prager Philosophen und Mathematiker Bernhard Bolzano; außerdem gehörte er zum Kreis um den jungverstorbenen Dichter Ludwig Halirsch (1802-32), zu dem neben seinem Freund und Mitstreiter Badenfeld auch Bauernfeld und J. G. Seidl zählten. Nach Eintritt in den Staatsdienst und mehreren Stationen in Oberitalien wurde Puteani 1831 zum Wirklichen Kämmerer ernannt und 1839 in die Vereinigte Hofkanzlei nach Wien versetzt. Später wirkte er in Prag und Niederösterreich, vermutlich in Zusammenhang mit der Schul- und Universitätspolitik. Um 1860 in den Ruhestand getreten, verbrachte er seinen Lebensabend in Prag, wo er 1872 starb (wir danken Hrn. PD Dr. Peter Stachel für freundliche Auskünfte zur Biographie Puteanis). Eine der ersten Rezensionen von Puteanis Programmschrift verfasste übrigens 1835 kein Geringerer als Ernst Frh. von Feuchtersleben, der sich wenig später in seiner berühmten Schrift "Zur Diätetik der Seele" (1838) zustimmend auf die "Kalobiotik" bezog. "Feuchtersleben wird heute als einer der Begründer der Psychosomatik geschätzt - der Einfluss Bronns wird dagegen nicht mehr wahrgenommen" (Stachel, ÖAW).

Vielfach mit monogrammierten Verschlussmarken und Siegelresten, teils mit Ausrissen durch Brieföffnung und Spuren von Tintenfraß. Drei Briefe mit Unterstreichungen in Rotstift. Insgesamt wohlerhaltene, reichhaltige Korrespondenzsammlung zur verdeckten Kulturgeschichte der Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert.

Vgl. Helena Lorenzová, Kalobiotika aneb umeni krásne zit (Kalobiotik oder die Kunst, schön zu leben), in: Estetika XXIX (1992), Nr. 4, S. 52-63. M. Svobodová, M. Kopriva, "Architektur, Geschichte und Bedeutung von Masaryks Staatlichem Stadion Strahov", in: ICOMOS 38 (2002), S. 47-53, hier: S. 47. L. Schiwietz, "Schönlebekunst für Slawophile. Die Beilageblätter 'Für Kalobiotik' der Zeitschrift 'Ost und West' und ihre Thematisierung musikalischer Phänomene", in: Barockmusik als europäischer Brückenschlag. FS für Klaus-Peter Koch (Beeskow 2019), S. 79-94. P. Stachel, Gustav Adolf Lindner. Zur Grundlegung der Sozialwissenschaften in der Gesellschaftspsychologie, in: Karl Acham (Hg.), Die Soziologie und ihre Nachbardisziplinen im Habsburgerreich (Wien u. a. O. 2020), S. 411-422, hier S. 412.