"Halte Partituren bereit, denn nächstens werden sie wie Hagel regnen müssen!"
Lohengrin. Romantische Oper in drei Akten. [Dirigier-]Partitur.
2 Bde. mit zusammen 4 Bll. und 395 SS. Neuere marmorierte Halblederbände. Folio (310 x 364 mm).
€ 28,000.00
Ein durch Rasur des Verkaufspreises zur Erstausgabe frisiertes Exemplar der vierten Ausgabe der Orchesterpartitur von 1873, die in einer Auflage von 140 Exemplaren erschienen war. Die Gesamtauflage aller von 1852 bis 1873 im sog. Umdruckverfahren nach der Handschrift des Kopisten Friedrich Wölfel hergestellten Exemplare betrug 360 Exemplare (Klein, S. 25); sechs weitere Exemplare, die sich durch die fehlende Preisangabe am Titel von den 360 unterscheiden, hatte der im Zürcher Exil lebende Wagner sich selbst vorbehalten: Ein Exemplar davon hatte er auf eigene Kosten vom Verlag "zur Dedication an Liszt" ausstatten und an diesen senden lassen (Strobel/Wolf, Nr. 179, S. 394), die anderen vier bzw. fünf Exemplare waren für Theodor Uhlig, Robert Franz, Hans von Bülow und/oder Julius Schäffer und August Röckel bestimmt.
Bemerkenswerterweise stand die vorliegende Partitur über mehrere Jahrzehnte hinweg in Verwendung, und zwar von Gustav Mahlers Zeiten an bis ins 20. Jahrhundert; sie ist dabei von zumindest einem Dirigenten sorgfältig mit zumeist rotem und blauem Farbstift annotiert worden. Sehr zahlreich finden sich in unserem Exemplar die Stempel der 1881 gegründeten Hamburger Theater-Leihbibliothek Emil Richter und einmal (sehr schwach lesbar) der Stempel der "Theater-Direction Emil Schönerstädt", der 1883 als Nachfolger von Emanuel Raul für eine Saison die Leitung des Stadttheaters Olmütz übernommen hatte. Mahler, der unter Raul einige Male in Olmütz dirigiert hatte, berichtete seinem Freund Friedrich Löhr am 12. Februar 1883 über die dortigen künstlerischen Verhältnisse: "Nur mit schwerem Kampfe raffe ich mich dazu auf, Dir zu schreiben. Ich bin gelähmt, wie einer, der vom Himmel gefallen ist. Von dem Moment an, da ich die Schwelle des Olmützer Theaters übertrat, war mir zu Mute, wie einem, den des Himmels Strafgericht erwartet. Wenn man das edelste Roß mit Ochsen vor einen Karren spannt, so kann es nichts anderes, als im Schweiße mitziehen. Ich wage fast nicht, vor dich zu treten - so beschmutzt fühle ich mich […] Bis jetzt habe ich ausschließlich Meyerbeer u. Verdi dirigiert. Wagner u. Mozart habe ich standhaft aus dem Repertoire hinausintrigiert; - denn das könnte ich nicht ertragen, hier etwa den Lohengrin - oder Don Juan - herunterzutaktieren" (Blaukopf, Nr. 17, S. 21). Ein Jahr darauf hätte Mahler aber auch den "Lohengrin" dort hören können, denn am 22. Februar 1884 wurde er dort im Rahmen eines Gastspiels der k. k. Hofopernsängerin Rosa Papier aufgeführt. Seine erste Wagner-Oper, den "Tannhäuser", dirigierte Mahler dann am 27. September 1885 in Prag (Stoll Knecht, S. 266 f., Anm. 4), wie er überhaupt hernach alle seine Antrittsdirigate mit Werken Wagners krönen sollte: "Lohengrin" in Leipzig (3. VIII. 1886), "Das Rheingold" in Budapest (26. I. 1889), "Tannhäuser" in Hamburg (29. III. 1891), "Lohengrin" in Wien (11. V. 1897) und "Tristan und Isolde" in New York (1. I. 1908) - Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal des vorliegenden Exemplars ist darin zu sehen, dass in ihm eine weitere Hand noch an mehr als 26 Stellen jene "Anweisungen" eingetragen hat, die Wagner selbst als Dirigent bei seinem letzten Konzert in Wien am 2. März 1876 gegeben hatte: "W. sehr langsam", "W diese Triolen immer sehr ruhig u. gleichmässig", "W. ganz zart, ohne Ausdruck", "W. ruhig beginnen u. nach u. nach ins lebhafte Zeitmass überleiten" usf.
Bis 1984 im Besitz von Hans Schneider, Tutzing, dann Privatsammlung von Jürgen Voerster, dann Antiquariat J. Voerster, Stuttgart.
Das Zitat in der Überschrift stammt aus einem Brief Wagners an Theodor Uhlig vom 23. August 1852 (Strobel/Wolf, Brief Nr. 203, SS. 446-448, hier S. 448).
Durchgehend etwas stockfleckig und (im dritten Akt) wasserrandig. Randeinrisse alt hinterlegt. S. 183 im unteren Viertel mit Transparentpapier verstärkt.
H. Blaukopf (Hg.), Gustav Mahler. Briefe. Erw. Neuausgabe (Wien u. Hamburg, Zsolnay, 1982). H. F. G. Klein, Erstdruck der musikalischen Werke Richard Wagners (Tutzing, Schneider, 1983 = Musikbibliographische Arbeiten, hg. v. Rudolf Elvers, Bd. 5). A. Stoll Knecht, Mahler's Seventh Symphony (New York, OUP, 2019). G. Strobel / W. Wolf (Hg.), Richard Wagner. Sämtliche Briefe. Bd. IV (Leipzig, Deutscher Verlag für Musik, 1979).

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